Horst

Horst war mit Leib und Seele Jäger. Er liebte es, unmögliche Uhrzeiten auf einem Hochstand zu verbringen und zu warten, das Gewehr stets schussbereit neben sich, bis das Wild die Bühne seines Todes betrat. Der Moment kurz nach dem Treffer, in dem die Beute noch schwankend stand, versetzte Horst regelrecht in Ekstase. Ein schneller Augenblick nur, bis die Professionalität des erfahrenen Weidmanns wieder Oberhand gewann.

Selbstverständlich kannte er alle gemeinnützlichen Aspekte seines Hobbys. Oft genug hatte er mit den blassen Freunden seiner Tochter diskutieren müssen. Die hielten ihn für einen reaktionären Idioten in lächerlichen Klamotten.
Auch mit Jagdkollegen sprach man über die unwiderlegbar positiven Aspekte des eigenen Tuns. Und doch trieb ihn das Töten auf die Lichtungen. Horst war überzeugt, aber das behielt er wohlweißlich für sich, dass das Hauptproblem des modernen Manns war, dass er zu selten jagte. Das Erlegen eines Tieres, das anschließende Wegbringen, Häuten und Ausnehmen gehörten für ihn einfach dazu. Dabei fand er Ruhe. Wenn seine Hände rot waren und klebten vom Blut fühlte er etwas, was er kaum in Worte packen konnte. Glück, traf es wohl am ehesten, oder wie frisch verliebt. So wie er damals bei seiner Susi gewusst hatte, dass er dabei war zu gewinnen. Als sie bereit war, sich ihm hinzugeben und er sie in seinem ersten Auto zu der Hütte im Wald mit nahm. Dort unter den alten Tannen war er selbst schon gezeugt worden. Das hatte ihm seine Mutter einmal erzählt und es gefiel ihm. Dieser Mythos seiner Herkunft erklärte ihm einige Seiten seines Wesens und romantisch war er auch.

Der Tabubruch beim Abgeben eines Schusses, die ungeheuere Lautstärke, die Macht der fliehenden Gewalt, die er allein auslöste, das alles zog Horst magisch an. Aber der Anblick des Totes war der Kern des Ganzen. Dorthin musste er immer wieder zurück kehren. Zu seiner Susi sagte er: „Ich geh in den Wald.“ Doch sie wusste, dass es mehr war. Zumindest ahnte sie es. Horst suchte nicht nur Ruhe und Waldesfrieden. Er wollte Beute machen.

Das Gefühl, ein Tabu zu brechen, entfiel übrigens, wenn es sich um eine besondere Art von Wild handelte. Nicht die Gattung war wichtig, das Individuum war es. Es gab Tiere, bei deren Tötung der gesamte Vorgang eine Einheit zu bilden schien. Fast so, als wäre das Tier einverstanden. Diese Begegnungen waren für Horst besonders befriedigend. Er würdigte sie mit nahezu religiöser Inbrunst. Seine Jagdkollegen verstanden, wovon er sprach, wenn er davon erzählte. Susi nicht. Die war nur immer eifersüchtig. Und so erzählte er ihr eben kaum mehr etwas, legte nur noch die vakuumierten Wildbratenstücke in die Gefriertruhe im Keller. Susi verschenkte viel davon und die Leute freuten sich. Sie konnten ja gar nicht so viel essen, wie er schoss. „Ah, mal wieder Wild! Ist halt doch was anderes als immer nur Schwein und Rind! Nicht?“

Von der Prozedur, die Horst so mochte, wussten sie meistens nichts. Es interessierte sie nicht oder sie wollten nichts darüber erfahren. Einigen hätte es wohl den Appetit verleitet. Horst nicht. Der aß gerne seine Rehkeule oder das Hirschgulasch und dachte dann an den Moment, in dem er den Abzugshahn mit dem Zeigefinger gezogen hatte, er lauschte auf den Schuss und konnte sein hallendes Echo nur noch erahnen. Und das Fleisch schmeckte ihm. Es gab ihm die Kraft wieder in den Wald zu gehen und zu warten. Dann war er Horst, ein Mann mit Kraft und Verstand, mit einem Ziel. Dann stand er in Einklang mit der Natur. Das war schon mehr als die meisten anderen je erreichten. Das machte ihn wirklich glücklich.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s