Inga

Ich fahre zu einer Freundin aufs Land. Gleich bin ich da. Unterwegs habe ich mich gezwungen, an früher zu denken. Wie wir waren, was wir an hatten und welche Jungs wir gut fanden. So Sachen eben, die auch in einer Frauenzeitschrift stehen, wenn es um alte Freundinnen geht. Ich habe mich dann etwas vor mir selbst erschrocken. Warum muss ich so denken, wie es die Brigitte von mir will? Dabei lese ich das Zeugs nur alle Jubeljahre beim Arzt. Der Schluss, dass ich einfach von mir aus so bin, liegt nahe. Ich atme die gleiche Luft wie diese Schreiberinnen mit ihren verrenkten Phantasien. Der selbe Zeitgeist umweht uns. Gestern fanden wir noch wilde Kerle am Rand des Abgrunds gut, heute soll es eher die neue Häuslichkeit sein. Wenn ich mir zur Zeit nur einen dieser hurenden und saufenden Kerle vorstelle, wird mir schlecht. So ändern sich die Zeiten. Und ich sehe den Typ aus der Sprudelwerbung vor mir, wie er ein Küchenregal in meiner blau gefliesten Küche anbringt. Ich sitze in der gemütlichen Sitzecke und stricke ihm einen Pullover. „Noch einen grünen Tee, mein Schatz,“ frage ich ihn zärtlich. Zum Dank bumst er mich.

Ich muss mich wieder auf den Verkehr konzentrieren. Irgendwo hinter dem Dorf muss ich abbiegen. Yulli wohnt hier draußen, seit sie die Großstadt nicht mehr erträgt. Einen kleinen Krebs hat sie sogar davon bekommen. Nicht so schlimm. Sie hat ihr Leben umgekrempelt. Jetzt geht es ihr wieder gut. Ich könnte das nicht so. Dafür bewundere ich sie. Na ja, vielleicht könnte ich es auch, wenn ich Krebs hätte. Habe ich aber nicht.

Einen Mann habe ich auch nicht. Dafür jede Menge Zeit, um Yulli zu besuchen oder zu arbeiten. Mittlerweile arbeite ich nicht mehr, um Geld zu verdienen. Oder ist mir das auch nur eingeredet worden? Ich weiß es nicht. Es klingt schon sehr sloganhaft, so etwas von sich zu behaupten. Wie die Windschutzscheibe stehen ständig irgendwelche Medien zwischen mir und der Welt. Wie soll ich da noch wissen, was echt ist und was nicht?

Was echt ist? Über so eine Frage hätte ich früher gelacht. Echt, authentisch, relevant, alles Wörter, die so vor zehn Jahren gar nicht mehr gingen. Und plötzlich ist das wieder da und es bedeutet wieder etwas. „Es bedeutet etwas“! Soweit bin ich schon! Das Denken zermürbt einen mit der Zeit.

Als Yulli im Krankenhaus war, hat sie mir in einer Mail geschrieben, dass sie starke Sehnsucht danach hat, einen Baumstamm anzufassen. Ich hab damals irgendwas blödsinnig Sexuelles gedacht. Jetzt gerade habe ich auch Lust dazu, so was hippie mäßiges zu machen. Muss ja gleich da sein, dann können wir vielleicht Spazieren gehen. Hoffentlich traue ich mich das dann auch, wenn Yulli dabei ist. Es ist gar nicht so einfach, aus meiner Rolle als abgecheckte Erfolgsfrau rauszukommen. Yulli: Typ Postmaterialistische Hedonistin. Ich: Typ Karrierefrau. Ich kann die kleinen, leicht humorvollen Illustrationen neben den Überschriften förmlich sehen.

Woher habe ich nur diesen ganzen Mist in meinem Kopf? Mich würde interessieren, wie man diese öden Reflexe wieder los bekommt. Ich glaube, das hätte ich gern. Vielleicht kann Yulli, was dazu sagen. Ich werde sie nachher fragen.

Lustig, Yulli heißt Brigitte. Eigentlich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s