Renate

„Ach Renate! Ach Renate“, sagen sie immer. Was mache ich nur ständig falsch? Das fragt sie sich. Auch jetzt in diesem Moment, in dem die Trockenhaube um ihren Kopf herum brummt und sie Zeit hat, sich Gedanken zu machen.

Dabei gibt sie sich doch so viel Mühe. Es ist ja nicht so, dass sie ihren Kindern und ihrem Mann absichtlich auf die Nerven gehen würde. Im Gegenteil. Sie versucht es allen recht zu machen. Auch den Nachbarn, mit denen sie früher zusammen gefeiert haben, aber schon lange nicht mehr.

Sie kennt ganz viele Leute, die machen können, was sie wollen, zu denen aber niemand „Ach, ach“ sagt. Warum sagt zu denen keiner Ach? Immer nur „Ach Renate!“.

Sie hat sogar einen Kochkurs besucht, weil Manfred sie gefragt hat, warum es immer Spaghetti Bolognese und Schnitzel gibt. „Die Geheimnisse der französischen Küche“ hieß der Kurs und Renate fand ihn erst toll. Aber dann hat der Kursleiter zu ihr gesagt: „Ach Renate, sie dürfen den Knoblauch nicht braun werden lassen.“ Da ist sie das nächste Mal nicht wieder hin gegangen. Aber immerhin kann sie jetzt Ratatouille. Das Blöde ist nur, dass Klaus, ihr Großer, keine Auberginen mag. „Was sind denn das für schwarze Bröckchen in der Tomatensoße, Mama?“ hatte er sie mit angewidertem Gesicht gefragt. Dabei hatte sie mit Liebe gekocht und sich auf das Lob ihrer Familie gefreut. Hackfleischbällchen hatte sie dazu gemacht. Die haben alle gegessen. Aber dazu gesagt hat niemand etwas.

Renate fühlt sich ungerecht behandelt und das frisst sie langsam auf. Mit Manfred wollte sie mal darüber sprechen. Der hat sie aber gleich unterbrochen und ihr erzählt, wie doof es im Job war. Sie hat ein schlechtes Gewissen bekommen, weil er ja das Geld heran schafft und sie ich auch noch beschweren will. Dabei kann sie doch morgens immer in Ruhe Kaffee trinken und die Zeitung durch blättern, während er in die Müllverbrennung muss. Da hat sie lieber nichts mehr gesagt.

Einmal im Monat trifft sich Renate mit Carmen. Die beiden kennen sich schon ewig. Carmen hat einen spanischen Vater und eine Mutter aus dem Dorf, in dem auch Renate stammt. Carmen sagt dann: „Ach Renate, lass doch diesen blöden Typen sitzen. Du bist doch viel zu schade für den. Habe ich Dir immer gesagt. Hau ab oder hör auf Dich zu beschweren.“ Und dann erzählt Carmen lange von ihren Urlauben und den Männern. Letztes Jahr hat sie sich die Brüste machen lassen. „Das ging so einfach nicht mehr.“ Groß und breit hat sie Renate von der OP erzählt und natürlich von dem wahnsinnig gut aussehenden Chirurgen. „Ich glaube, der stand auf mich. Aber ich hab ihn abblitzen lassen.“

Besonders glücklich erscheint ihr Carmen aber auch nicht und dann freut sich Renate sogar wieder ein bisschen auf zuhause. Wahrscheinlich trifft sie sich nur deswegen noch mit Carmen. Viele Gemeinsamkeiten haben sie ja eigentlich nicht. Außer dass sie aus dem selben Dorf sind.

Renate achtet auch darauf, dass sie gut aus sieht. Die Brüste würde sie sich nicht machen lassen, aber Haare und Kleidung, die müssen schon in Ordnung sein. Die Nachbarin läuft den ganzen Tag im Trainingsanzug herum. Das gibt es bei ihr nicht. Hin und wieder lässt sie sich bei French Nails sogar die Nägel machen. Manfred weiß davon nichts. Dem wäre das zu teuer und er würde fragen, ob sie sich nicht selbst die Nägel schneiden könnte. Könnte sie. Klar! Will sie aber nicht. Das ist sie sich wert. Und so teuer ist es ja auch wieder nicht.

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