Jamira

Es gab Musik, mit der sie wirklich nichts anfangen konnte. Trip Hop zum Beispiel. Was soll dieses lahme Geschleppe denn, fragte sie sich und drückte die CD wieder auf Anfang. Sie sollte ein Solo zu dem Track spielen.

Manchmal hatten diese Produzenten ja gern ein klein wenig jazzy flavour. Dann riefen sie bei Jamira an oder sampelten irgendwas von früher. Hauptsache irgendein Saxophon mit ein paar Bluenotes.

Sie stellte sich vor, wie die Großen früher um jede Note gekämpft hatten, wie der Schweiß von Studiodecken tropfte. Alles in Schwarz-Weiß natürlich und hinter einem kontrastreichen Vorhang aus Rauch.

„Alles nur Moods,“ hatte einer dieser Plattenfirmentypen mal auf einer Releaseparty zu ihr gesagt. Die Noten, die Pausen, die Phrasierungen alles egal. Die Leute assoziierten mit einem Saxophon einfach Nachtleben, Melancholie vielleicht und Sehnsucht. Für manche Tracks brauchte man das.

Jamiras Kniekehlen juckten. Ihr Hautarzt hatte ihr ein neues Mittel verschrieben, irgendwas mit Stutenmilch. Seit drei Tagen schmierte sie sich damit ein und das Jucken wurde stärker. Noch interpretierte sie das als Beginn des Heilungsprozesses. Da, wo sich etwas tut, juckt es eben, machte sie sich Mut.

Bevor sie mit der Aufnahme anfing, kratzte sie sich. Dann drückte sie auf den roten Knopf, zählte die Takte und setzte mit ihrem Solo ein. Es wurde zu frei. Das nahm ihr niemand ab. „Die Leute wollen keine Kunst,“ hörte sie Rico sagen.

Sie griff zu dem Ordner im Regal, auf dem „Jazz-Klischees“ stand. Gelangweilt blätterte sie durch die kopierten Notenseiten. Hatte ihr Boo, eine Kollegin mal geschenkt. Irgendwas mit Bossa schwebte ihr vor. Bossa-Moods. Das Girl von Ipanema kam ihr in den Sinn. Klar! Sie pfiff die Melodie und versuchte sie so zu verändern, dass nicht jeder gleich auf den Ursprung ihres Einfalls kam. Wieder kratzte sie sich.

Im Badezimmerschrank lag eine Tube Cortisoncreme. Es war wie mit Rauchern, die aufhören wollten, aber irgendwo in der Wohnung noch ein Päckchen versteckt hielten. Das kannste dann von Anfang an vergessen, dachte sie. Entweder ich gehe jetzt rüber und schmeiß das Zeug weg oder ich fang wieder an. Scheiße!

Sie sehnte sich nach gesunder Haut. Noch vor ein paar Jahren hatte sie im superknappen Minirock auf der Bühne gestanden. Die Zuhörer am Bühnenrand hatte fast ihr Höschen sehen können. Dann kam die Neuro. Jetzt trug sie lieber Hosen. Weite Hosen, marlenestyle.

Wieder drückte sie den Track auf Anfang. In zwei Stunden musste Rico ihr Solo haben. Sie drehte die Noten einer Standard-Bossa-Melodie einfach um. Cool, dachte sie, als sie mit der Aufnahme fertig war. Es gefiel ihr, schnell und einfach Geld zu verdienen. Sie fühlte sich dann profimäßig. Und je schlimmer sie die Musik fand desto besser hinterher.

Sie schickte das Teil an Ricos Email-Adresse. Erledigt, weg damit! Und dann blies sie noch ein paar Töne. Frei schwebte die Musik durch ihr Zimmer. Sie konnte die Bögen, Punkte und Linien durch die Luft treiben sehen, wenn sie wollte. Das hatte sie sich bewahrt. Für viele ihrer Kollegen war das Spielen nur noch Arbeit. Sie sprachen von Auftritten wie von Schichten am Fließband. Denen ging es darum, möglichst schnell in die Kneipe oder heim zu Frau und Kindern zu kommen. Für sie zählte nur die Musik. Das war ihr Credo.

Jamiras Kniekehlen juckten noch stärker. Sie stellte ihr Instrument auf den Ständer. Da hatte sie mal wieder den Groove und dann das!

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