Odetta

Odetta kratzt sich am Kinn. Sie weiß nicht recht, was sie von der Sache halten soll. Sie weiß nur, dass sie etwas unternehmen muss. Ihr Mann ist abgehauen. Diesmal wohl für immer. „Zum Glück hat er mir kein Kind gemacht,“ denkt sie, „wenigstens das nicht. Ich kann also einfach nach Frankreich gehen. Wenn ich will.“

Sie überlegt, was sie zurück hält. Freunde in dem Sinn hat sie keine und die Wohnung ist ein stinkendes Loch. Schimmel überall und das Türschloss funktioniert nicht mehr. Aber wer würde bei ihr auch etwas klauen wollen? Sieht man doch von Weitem, dass da nichts zu holen ist.

Frankreich stellt sie sich schön vor, warm und heiter. Nur Französisch kann sie nicht. Aber sie hat schon so viel gelernt. In Gedanken zählt sie ein paar Sachen auf: Deutsch, wie man einen Zollbeamten besticht, Tanzen, ihren zugedröhnten Mann ins Bett hieven, sich unauffällig verhalten, zuhören, ohne viel zu verstehen.

Einmal hat sie eine Stellenanzeige für einen Job in der Altenpflege gelesen. Das hat ihr gefallen. Alte Menschen mag sie. Die sind oft genauso verrückt wie sie.
Odetta lacht gern. Besonders wenn sie etwas von dem Wein aus dem Tetrapack getrunken hat und Leute um sich hat. Dann fühlt sie sich gut und der Druck verschwindet etwas.

Sie würde oft gern einfach verschwinden, weil sie sich wie eingesperrt fühlt. Und wenn man eingesperrt ist, will man nur noch weg, eigentlich egal wohin.

Wie diese Deutschen das aushalten, fragt sie sich manchmal und sagt sich dann, dass es sich eben jeder so einrichtet, wie es ihm gefällt. Die Freiheit des einen ist die Unfreiheit des anderen. Es kommt nur darauf an, auf welcher Seite der Geschichte man gerade steht. Odetta steht in Ketten, mehreren unsichtbaren Ketten. Eine ist am Postbankschalter fest gemacht, eine andere bei der Behörde und dann gibt es wohl auch welche, deren Enden in ihr selbst liegen.

Ein Haar kitzelt an ihrer Nase. Sie streicht es zurück. „Du bist doch noch jung,“ sagt sie sich und schaut ihr Spiegelbild im Zugfenster an. Das Abteil ist leer. Hinter der Scheibe ist es dunkel geworden und kalt wahrscheinlich. Gleich kommt die Endstation. „Alle Aussteigen. Unsere Fahrt endet hier.“ Odetta fröstelt es beim Gedanken an den Heimweg.

Dann steigt sie die Bahnhofstreppen runter. Jugendliche kommen ihr hier oft entgegen. Sie zieht dann den Kopf ein und hofft, dass sie keiner anspricht. Manchmal kommt das vor und meistens bekommt sie davon Angst. Die Stimmen klingen hart und die Sätze böse. Odetta wehrt sich nicht dagegen. Sie fühlt sich klein. Heute begegnet sie niemandem.

Und dann muss sie lächeln. Der Freak mit den Schnittblumen steht noch an der Ecke und grinst sie über die Straße hinweg an. Im Licht der Straßenlampe sieht sie seine Zähne kurz aufblitzen. Schöne, weiße Zähne. Er hat wohl noch zu wenig verkauft. Aus seiner Teetasse dampft es. Sie würde gern zu ihm rüber gehen, traut sich aber nicht. Was sollte sie auch sagen? In Deutschland braucht man einen guten Grund, um jemanden anzusprechen. Die Leute wollen in nichts hinein gezogen werden.

Zuhause zieht sie ihren dicken Mantel aus und stellt die Straßenschuhe vor die Tür. Dann kocht sie sich Tee. Sie denkt an den Blumentypen. Der muss noch in der Kälte stehen. Es ist November und bald wird es noch frostiger. Odetta schaut auf das Foto von sich und ihrer Schwester. Sie sind fast noch Kinder und stehen vor dem Haus, in dem sie geboren wurden. Alles ist grün, braun und warm um sie herum. Überall Blumen. Den Rest hat sie vergessen.

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2 Gedanken zu “Odetta

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