Quinn

Etwas Schönes, Zärtliches, irgendetwas Positives. Das wünschte sich Quinn als er auf sein frisch gepudertes Gesicht im Spiegel schaute.

Der scharfzüngige Meister des neu erstarkten politischen Kabaretts wartete auf seinen Auftritt im föderalen Nirgendwo der deutschen Provinz. Der Vertrag für die laufende Tournee durch die kleinen Stadthallen, Gemeindehäuser, Gewerkschaftszentralen stammte noch aus der Zeit als es Quinn an Geld aber nicht an Wut gemangelt hatte. Seit dem Erfolg seiner letzten CD hatten sich die Verhältnisse umgedreht. Lustlos tourte er nun durch die Gegenden. Noch drei solcher Tage lagen vor ihm.

Es war schon immer so gewesen, dass er sich zu dem Anderen hingezogen fühlte. Hatte er eine blonde Freundin, schaute er den Brünetten nach. Saß er bei einem geistreichen Gespräch, begann er zu gähnen, verfluchte die Scheiß Intellektuellen und verspürte unstillbare Lust auf einen deftigen Rausch und ein Punkkonzert. Hatte er Lego, wollte er mit Playmobil spielen. Und umgekehrt natürlich. Seit er denken konnte, war das so. Es wäre im anders lieber gewesen.

Abend für Abend zerpflückte er mit bösartiger Treffsicherheit Politik, Gesellschaft, den Kulturbetrieb. „Endlich spricht das mal einer aus,“ schienen ihm die Besucher entgegen schreien zu wollen, wenn er geifernd vor ihnen auf der Bühne stand. Die Ekstase, die ihn anfangs dabei ergriffen hatte, war längst verschwunden und er hangelte sich wie ein gelangweilter aber professioneller Schauspieler an seinem verinnerlichten Manuskript entlang. Improvisationen gönnte er sich nur noch abends an der Hotelbar, wenn er statt einem roten einen Weißwein bestellte.

Gern hätte er etwas von sich gegeben, das ihn und seine Zuhörer umschmeichelte, sie in überirdisches Pastelllicht tauchte. Doch so sehr er auch in sich und in der Welt danach suchte, er konnte nichts finden. Zumindest erkannte er nichts in dieser Richtung, das er auch klar formulieren hätte können.

Er fragte sich, ob das am Zustand der Dinge lag oder an seiner Einstellung dazu. Nachdenklich stimmte ihn dabei, dass er genügend Menschen gab, die Freude an seinem Blick auf das ganze Durcheinander hatten. Von diesen Menschen gab es ausreichend viele. Er konnte von ihrem Geld leben. Je länger er seinen Job machte, desto mehr erstaunte ihn diese Tatsache.

In Gedanken ging er den Begrüßungsmonolog durch. Vielleicht ließ sich an diesem Abend ja doch etwas Tröstliches sagen. Wieder fand er keinen Anhaltspunkt dafür. Das Publikum würde auch nur enttäuscht reagieren. Quinn konnte es sich schlecht leisten, nachgiebig zu sein. Noch war seine Rente nicht in trockenen Tüchern und das zu schmiedende Eisen lag glühend vor ihm.

Er machte Atemübungen und lockerte anschließend seine Muskeln. Gleich gings los. Von irgendwoher drang schon vielstimmiges Gemurmel zu ihm. Der Saal war voll. Quinn konnte es spüren. Die Erfahrung unzähliger Auftritte. Er würde ihnen wieder den Spiegel vor halten und sie würden sich schmunzelnd darin sehen aber nur selten erkennen. Sie würde über die anderen lachen, sich an ihnen abarbeiten. Genauso wie er das früher auch gemacht hatte. Mit diesem Früher verdiente er seine Brötchen. Aber bald war das vorbei. Es musste sich etwas ändern.

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