Federico

Schon immer hatte er sich als etwas Besonderes gefühlt. Die anderen waren nicht wie er. Sie waren es nie gewesen.

In seiner Jugend hatte er sehr darunter gelitten. Während die anderen Jungs sich für Fußball begeisterten oder für Motorräder, Geschwindigkeit, Mädchen und Tanzen, galt seine Liebe stets den Büchern. Darin fand er die Ideale, nach denen sein Herz dürstete. Dagegen waren ihm die weltlichen Dinge uneben erschienen, vorläufig, bedeutungslos. Er sehnte sich ausschließlich nach dem Vollkommenen. Diese drängende Sehnsucht hatte ihn ausgeschlossen von der Gemeinschaft seiner Klassenkameraden und letztlich sogar seiner Familie, die ihn nicht verstanden hatte. Die ihn gar nicht hatte verstehen können, weil er über seine Leidenschaft nie gesprochen hatte. Ihm war das unnötig erschienen. Den Dialog, den er führte, führte er je still mit dem Buch, das er gerade las. Daneben sprach er über Essen, Trinken, Krankheiten, die ihn plagten, dafür war seine Mutter zuständig, nicht dafür ihn zu verstehen. Als Kind hatte er gewusst, dass er kein Verständnis brauchte, nicht in dieser Welt.

Eines Sonntags hatte der Priester über Joseph gesprochen. Es ging um den Neid der Brüder, die es nicht ertragen konnten, dass der Jüngere sich für etwas Besseres hielt. Mit ungelenken Worten hatte der Dorfpriester die Geschichte aus gelegt und Federico hatte begriffen. Der, der sich aus dem Kreis der Brüder heraus nimmt, wird zunächst leiden müssen, aber er wird schließlich von Gott zu etwas Großem gemacht werden. Während die Brüder in ihrer Gleichförmigkeit fast unerkennbar bleiben, würde Joseph von Gott selbst bevorzugt glänzen und einzigartig sein. Es gab für ihn keinen Zweifel: Er war Joseph, die Leute in seinem Dorf seine Brüder und da draußen lag irgendwo Ägypten.

Gleich nach dem Gottesdienst war er zur Mutter gelaufen und hatte sie gebeten auf das Priesterseminar in Padua gehen zu dürfen. „Ach, Federico! Du bist noch so jung,“ hatte sie nur geantwortet.

Federico zog seine Soutane enger um sich. Es wurde ihm langsam kalt in seinem Beichtstuhl. Wieder war niemand zu ihm gekommen, um sich von seinen Sünden los sagen zu lassen. Er verfügte über die Macht der Worte, in der die Macht Gottes eingebettet lag, und niemand wollte daran Teil haben. San Paolo in Vincoli war menschenleer. Es war zum Weinen. Draußen da jagten sie ihrem Glück nach, suchten nach Ein- und Fortkommen und produzierte doch immer nur neue Generationen von Fußballfans, Motorradnarren und lächelnden Tänzern. Niemand schien sich für die Wahrheit einzusetzen. Das, was die Menschen am dringendsten brauchten, wurde noch nicht einmal mehr mit Füßen getreten. Es wurde einfach vergessen. Und doch gab es noch Hoffnung, solange Federico an seinem Platz saß, solange nur er die Stellung hielt. Dessen war er sich ganz sicher. Gott hatte einen Plan mit ihm. Er hatte ihn in diese unbedeutende Vorortgemeinde geschickt, mitten hinein in eine schmucklose Siedlung voller Heiden und Atheisten. Federico litt, so wie Joseph zuerst gelitten hatte. Und er hielt daran fest, dass Gott Großes vor hatte. Wenn dieser Tag kommen würde, würde er, Federico, bereit sein. Denn er hatte gelitten, länger und intensiver als Joseph, verzweifelter als Hiob. Das, was kam, musste atemberaubend groß sein. Er dankte Gott schon jetzt dafür, obwohl er nicht wusste, wofür. Aber er war sich unsagbar sicher, er war bereit und er war da. Nur das zählte am Ende.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s