Willi

Erst war es nur ein Wort an der Wand. Verschwinde! Nicht klein oder fast unmerklich in die Farbe geritzt. Groß, grau und überdeutlich stand es da. Das erste was Willi dachte, war: Oh Scheiße, Mann, jetzt geht’s aber los. Er war auf die Straße hinaus. Eine Stunde durch den Kiez. Das half eigentlich immer. Diesmal nicht. Als er zurück kam, prangte das Wort immer noch an der Wand.

Willis Wohnung war fast ganz leer. Eine unbezogene Matratze mit Decke, Stereoanlage, Computer, zwei Töpfe, ungefähr zwanzig LPs, die aktuellste von 1978, ein paar Bücher, Geschirr. Das war es schon. Der Rest war über die Jahre kaputt gegangen oder Willi hatte etwas verkauft, um sich ein Bier davon zu leisten.

Er drehte sich eine Zigarette. Seine Finger zitterten dabei. Was soll das? Verschwinde. Was soll das? Er kam zu keinem Ergebnis und pennte erst mal.

Am nächsten Morgen fiel die vormittägliche Sonne genau auf das Verschwinde. Verdammt, dachte Willi. Er hatte gehofft. Es kam noch dicker. Als er aufgestanden war und durch den leere Türrahmen – die Tür hatte er verkauft, als Kai seine vor Wut eingetreten hatte – zum Bad gehen wollte, um einen Schluck Wasser zu trinken, sah er es. Neben dem Durchgang stand Hammer.

Willi war sich absolut sicher, dass das gestern noch nicht da gewesen war. Sein Gedächtnis war bestimmt nicht das beste, aber hier hätte er wetten können. So wie damals in Marokko, als er zehn Kilo Hasch gewonnen hatte, weil er auf einen Sieg gegen Palermo gesetzt hatte. Mann, hat der Druppi da blöd geschaut. Willi schmunzelte. Hammer? Verschwinde Hammer oder Hammer verschwinde? Hols der Teufel! Hammer verschwinde ergibt überhaupt keinen Sinn. Aber was soll Verschwinde Hammer bedeuten. War er vielleicht ein Hammer? Und wohin sollte er schon?

Er öffnete ein Fenster zum Platz hin, der drei Stockwerke unter ihm zum Leben erweckt wurde. Erweckt wurde er von den Gastronomen und so, sie noch vor den Touristen da waren. Jeden Tag das Selbe.

Als er unten Steve vorbei trotteln sah, pfiff er, aber Steve hörte ihn nicht. Willi hätte ihm gern die Wörter gezeigt. Wenn Steve auch etwas hätte lesen können, wäre das ein verdammtes Wunder und Willi reich und berühmt. Wenn nicht, hätte er gleich den Bus zur Klinik nehmen können. Ob sich dort drinnen in den letzten Jahren etwas verändert hatte? Ich halt lieber den Mund, sonst muss ich da wieder hin, dachte er. Willi blinzelte nervös. Da draußen war alles wie sonst. Ein schöner Tag sogar. Bestimmt konnte er sich später leicht ein Bier erschnorren. Die Leute waren gut drauf. Willi drehte sich eine und rauchte aus dem Fenster raus. Schön. Auf der Scheibe spiegelte sich die Schrift. remmaH. Schwachsinn!

Auch an den nächsten Tagen kam jeweils ein Wort dazu. Immer nachts, wenn Willi schlief. Klar hatte er versucht, wach zu bleiben, um zu sehen, was da abging, war aber dann doch vorher eingeschlafen. Mittlerweile hätte er mit all den Wörtern eine Postkarte eng voll schreiben können. Etwa so: Verschwinde unfiltrierte Reise! Klos, Hammer, Hälse. Soweit geht Nichts. Besser, gelber, grauenvoll verrenken… Willi hatte echt keine Lust mehr zu grübeln. Das war zwar so ziemlich das Abgefahrenste, was ihm bisher passiert war, aber was nutzte es schon? Jeden Tag ein neues Wort. Na gut. Damit konnte man leben. Die Schrift war nicht übel anzusehen und seine Wände hatten jetzt etwas Künstlerisches. Es hätte viel schlimmer kommen können.

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Ein Gedanke zu “Willi

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