Lena

Der Geruch war noch da. Sie fühlte sich in ihre Kindheit zurück versetzt. Das süßliche Parfum ihrer Mutter schien alle Räume auszufüllen. In der Küche roch es nach Vorweihnachtszeit. Lena öffnete den Ofen. Von einem Backblech aus schauten ihr lachende Zuckergussgesichter entgegen, die ihre Mutter auf Kekse gemalt hatte. Schnell schloss Lena den Ofen wieder.

Die nächsten zwanzig Minuten lief sie ziellos in der Wohnung umher. Sie hatte unbedingt noch einmal her kommen wollen, nachdem man sie am Telefon vom Unfalltod ihrer Mutter und kleineren Schwester unterrichtet hatte. Frau Kalinski, die Putzfrau, hatte sie in Paris angerufen. Lena war sofort aufgebrochen. Seitdem hatte sie kaum Zeit gehabt, sich um ihre inneren Angelegenheiten zu kümmern. Erst hatte sie krampfhaft darüber nach gedacht, was jetzt zu erledigen war. Dann der kurze Flug in all seiner Unwirklichkeit, die bange Ankunft in ihrer Heimatstadt, der Weg zum Bestatter, wo die beiden Leichen lagen. Es war kein schöner Anblick gewesen.

Sie stand in ihrem ehemaligen Kinderzimmer. Lena hatte es sich mit der Schwester teilen müssen. An den Wänden hingen Poster von Teen-Stars, nicht alt, wie gerade aufgehängt. Auf dem Bett lag ein überdimensionierter Plüschelefant, ein billiges Ding vom Jahrmarkt. Lena legte sich daneben und nahm das Tier in den Arm. Sie stellte sich vor, sie hielte ihre Schwester und fing an zu weinen. Annas vom Unfall zerschundener Körper war so schrecklich zugerichtet. Man hatte sie gewarnt, aber Lena hatte darauf bestanden, beide so zu sehen, wie sie nun aus sahen. Opfer nach der Opferung. „Wir machen bis zur Beerdigung da noch was. Das bleibt nicht so,“ hatte der Mann vom Bestattungsunternehmen versucht zu trösten. Für Lena war es eine widerliche Vorstellung, dass ein Fremder die entstellten Gesichter nähen und schminken würde. Aber sie hatte nichts sagen können, war einfach gegangen, nachdem sie den Vertrag für die Beerdigung unterschrieben und zwei Särge ausgesucht hatte. Die routinierte Höflichkeit des Mannes hatte ihr gut getan.

Mit dem Taxi war sie durch die Innenstadt zur Wohnung gefahren. Die Menschen waren mit ihren adventlichen Besorgungen beschäftigt. Lena bekam nicht zusammen, dass vor zwei Tagen ihre Mutter und Schwester gestorben waren und es niemanden zu interessieren schien.

Sie hatte Angst gehabt, die bekannte, mit so viel Erinnerung gepolsterte Wohnungstür zu öffnen. Seit einem Jahr war sie nicht mehr hier gewesen. Der Geruch der Mutter hatte sie wie ein Schlag getroffen und bis jetzt war das Gefühl nicht gewichen, dass gleich Schritte im Flur zu hören wären und die beiden vom Einkaufsbummel zurück kehrten. Lena fragte sich, ob sie das überhaupt gewollt hätte. Diese Frage beschämte sie. Sie kannte keine Antwort. Das eine Ohr des Stoffelefanten war durchtränkt von ihren Tränen, aber über wen weinte sie. Gestern in Paris hatte sie noch in dem Bewusstsein gelebt, mit all dem hier nur noch am Rande zu tun haben und schon erwuchsen ihr aus dem, was sie für ihre Vergangenheit gehalten hatte, Probleme wie Unkraut aus einem ungepflegten Beet wucherte. Am liebsten hätte sie die Tür wieder hinter sich zugemacht, in den Flieger, weg.

Ihr Blick fiel auf die mickrige Palme auf dem Fensterbrett. „Die vererbe ich dir,“ hatte Lena bei ihrem Auszug freudig zu Anna gesagt. Ein Blatt war noch einigermaßen grün, der Rest verdorrt. Sie wurde sehr wütend auf die Schwester. Nicht einmal um eine kleine Pflanze hatte sie sich kümmern können. Sie schmiss den Elefanten danach, stand auf und ging aus dem Zimmer. Ihre Mutter würde wieder alles in Ordnung bringen.

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