Patrizia

Sie lächelte immer noch. Der Tag auf dem Messestand hatte in ihrem Gesicht Spuren hinter lassen. Lachfalten. Es war ein guter Tag. Der Abschluss, den sie eingefädelt hatte, würde ihre Firma mindestens ein Jahr über Wasser halten.

Patrizia war stolz auf sich. Konnte sie auch sein. Vorhin hatten sie noch angestoßen, mit Sekt vom Nachbarstand. Die hatten daran gedacht, welchen mitzunehmen. Und so hatten sie sich eine Flasche von den Kunststoffkonstrukteuren aus dem Sauerland ausgeliehen. Patrizia fragte sich, wo das Sauerland liegt und wie es da aussieht. Sie hatte keinen Sekt mitgenommen. Daran hatte sie nicht gedacht. Aber sonst war die Organisation perfekt. Dafür dass ihre Firma so klein war, sah die Präsentation auf der Messe beeindruckend aus. Klein aber fein. So hatte sie es sich vorgestellt, so war es geworden.

Und heute endlich hatte sich der ganze Aufwand auch ausgezahlt. Ein Produzent aus England hatte den Vertrag unterschrieben, vor ihrer aller Augen. Das war zwar unüblich, verschaffte Patrizias Triumph aber eine gewisse exzentrische Aura. Später würden sie sich diese Geschichte, den Auftritt von Mr.Eggbourne im feinen Zwirn, zu vorgerückter Stunde auf Jubiläums-, Firmen, Weihnachtsfeiern erzählen. Aus dem Stoff solcher Begebenheiten wurde die gute, alte Zeit gewoben. Wenn es soweit war.

Sie fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht, als wollte sie eine Tafel sauber wischen. Sorgfältig. Wieder musste sie schmunzeln. Stefan, ihr Chef, war einfach zu lustig, wenn er versuchte, Englisch zu sprechen. Aber er hatte ja sie, drei Jahre New York, ein Jahr Ehe mit einem Ami aus Oregon. Wichser! Na, wenigstens waren ihre Sprachkenntnisse jetzt über jeden Zweifel erhaben. Mr.Eggbourne war das sofort aufgefallen. Er hatte sie gelobt und Stefan meinte, ja sie wüssten schon, was sie an ihr hätten. Da hatte Mr.Eggbourne zweifelnd geschaut. Oder wollte sie nur, dass es so war? Und wer sollte darüber entscheiden? Sie glaubte daran und es war ihr wichtig.

Es war ihr wichtig, dass sie bei dem feinen Herrn gut angekommen war. Sie wollte unbedingt, dass dieser Deal ohne sie, ohne ihren Charme und ihren ausgezeichneten Wortschatz nicht zustande gekommen wäre. Ja, sie konnte wetten, dass Mr.Eggbourne genau in diesem Moment in seinem teuren Hotelzimmer lag und an sie dachte. Es musste so sein. Und das machte ihren Tag erst perfekt. Endlich, endlich funktionierte mal etwas. Patrizia war überzeugt, dass sie sich das die Jahre über eben fest genug gewünscht hatte und es war wahr geworden. Es war alles eine Frage der Einstellung.

Sie streifte sich ihre Bluse einfach über den Kopf. Eigentlich hätten sie feiern gehen sollen. Das hatte sie aber abgelehnt. „Ich bin zu müde,“ hatte sie bescheiden gesagt und hinzu gefügt: „Von Nichts kommt Nichts.“ Eigentlich hatte sie sagen wollen: „Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Im letzten Moment war ihr das aber zu anmaßend erschienen und so hatte sie irgendetwas gesagt.

Auf ihrem Bett sitzend bedauerte sie, dass sie nicht noch mit den Kollegen los gezogen war. Der eine war ganz nett. Sie würde ihm gern ihren Tag erzählen und in seine bewundernden Augen schauen. Die Bluse warf sie über den Stuhl. Sie glitt auf den Boden. Man konnte nicht alles haben.

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