Yvette

„Mann, was für geile Dinger hast Du denn!“ hatte er noch gesagt. Aber Yvette wollte davon nichts mehr hören. Ihr war schlecht. Sie musste aufs Klo. Nicht, dass sie sich übergeben musste, der Film war einfach nur zu heftig. Das schlug ihr auf den Magen. Als würde sie sich drehen und dabei gleichzeitig fest gehalten werden. Komische Scheiße!

„Runter kommen, runter kommen,“ befahl sie sich. Allein das Weiß der Klobox tat ihr gut. Es war so völlig anders hier als in der dämmrigen Atmosphäre der Bar. Dort saß Zimmy jetzt und wartete auf sie. Vielleicht flirtete er auch mit der Bedienung. „Nicht daran denken!“ Der nächste Schub kam und ließ sie fast neben die Toilettenschüssel sinken. Am liebsten hätte sie sich daran fest geklammert. Aber soweit war sie noch nicht. Vorläufig genügte es, dass sie atmete und Zeit verstreichen ließ. „Das wird schon wieder.“ Sie rückte sich ihren BH zurecht.

Langsam bekam sie Land in Sicht, ein leise Vorahnung, dass sie es schaffen würde, ohne Kollaps, ohne Krankenwagen, ohne Stress. Ihr Herz raste noch vor sich hin. Sie hatten bei Zimmy gekifft. Da war alles noch ganz lustig gewesen. Und dann waren sie ins Crack gefahren. Yvette kam sonst nicht hier rein. Aber mit Zimmy schon. Den kannte die ganze Stadt. Außerdem konnte er sich die Preise in dem Laden locker leisten.

Sie hatten Schnaps getrunken. Blöde Idee! Und irgendwann hatte ihr Zimmy mit einem Kuss eine Tablette in den Mund geschoben. Sie mochte seine Lippen. „…denn zu Küssen sind sie da.“ Zehn Minuten später war ihr klar geworden, dass sie zuviel hatte. Nach weiteren fünf Minuten war sie um Haltung bemüht in Richtung Toiletten gestürzt. Da saß sie nun. Die Todesangst hatte sich gelegt. Trotzdem drückte ihr jemand in regelmäßigen Abständen alle Adern zusammen. Das Gefühl der Unwirklichkeit war erdrückend. In solchen Momenten wusste sie genau, was die Wirklichkeit war, und sie sehnte sich danach. Ein weißes Leinenkleid, eine sommerliche Wiese, das Glück eines kindlichen Herzens, ein Atomkraftwerk. Ihr wurde wieder übel. „Warum muss ich immer so ne destruktive Scheiße denken? Atmen, nur atmen, Komm schon, Baby,“ sagte sie zu ihrem Körper.

Sie schämte sich über ihren Zustand. So zugedröhnt in einem WC zu hocken, war nichts worauf man besonders stolz sein konnte. Sie überlegte, wie vielen anderen auf der Welt es gerade genauso ging: „In Asien ist jetzt Morgen, da wahrscheinlich nicht so vielen. Bei uns eine ganze Menge. In den USA …“ Sie machte sich häufiger solche Gedanken. Es tröstete sie. Sie konnte ihre eigene Situation über Tausende Kilometer hinweg fort projizieren. „Cool. Phantasie ist echt saucool.“

Die Wellen wurden allmählich flacher. Der Geruch der Duftsteine ging ihr auf den Wecker. Wahrscheinlich gab es diese Dinger einzig und allein dafür. Man wollte keine Leichen auf den Toiletten sitzen haben. Das war in etwa so, wie der Einsatz von klassischer Musik auf Bahnhofsvorplätzen.

Probeweise dachte sie daran, eine zu rauchen. Das klappte schon, ohne dass ihr gleich wieder schlecht wurde. Ein gutes Zeichen. Jetzt den Drink. Auch das ging. Nur noch aufstehen. Yvette fühlte sich bereit. Es konnte weiter gehen.

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