Uschi

Uschi blickte von ihrer Bildzeitung auf. Draußen liefen Menschen vorbei, eine ganze Gruppe Menschen. Sie kamen aus dem Congress Centrum. Seit Tagen fand dort eine Veranstaltung statt. Die Menschen trugen Anzüge. Es waren alles Männer. Die Veranstaltung hatte etwas mit Medizin und Verwaltung zu tun. Vor dem Eingang hingen einige Plakate, grün und blau, weiße Schrift. Uschi konnte von ihrem Taxi aus nur die Überschrift lesen. Sie hätte aussteigen müssen, um den Rest entziffern zu können. Sie sah den Männern in den Anzügen nach. Die gehen ins Hotel zum Essen, vermutete sie. Zeit ist ja. Sie überlegte, auf was sie Appetit hatte.

In die Taxe, die vor ihr in der Reihe stand, stieg jemand ein. Kurz darauf fuhr der Wagen fort. Uschi startete den Motor und rückte um eine Position vor. Motor wieder aus, warten. Es fing zu regnen an. Die Leute auf dem Platz vor dem Congress Centrum spannten ihre Regenschirme auf. Alle schwarz. Uschi sah sie tausendfach in den Tropfen auf der Windschutzscheibe gespiegelt. Kleine schwarze Punkte.

Sie hätte damals auch studieren wollen. Wenn sie gedurft hätte, wäre sie vielleicht jetzt auch da, wo die Männer in den Anzügen standen. Sie stellte sich vor, wie sie als Frau umringt von den Kollegen da stehen würde. Die Vorstellung gefiel ihr. Es machte sie sogar ein wenig an. Gepflegte Medizinerhände, gepflegter Umgang, gepflegte Weine in guten Restaurants.
Stattdessen musste sie sich die derben Sprüche der anderen Taxifahrer gefallen lassen. Die munkelten schon, dass sie lesbisch sei, nur weil sie seit ihrer Scheidung keinen mehr rangelassen hatte und sich immer mehr eine offensiv abwehrende Haltung gegenüber jeder Form von Anmache zugelegt hatte.
Einmal hatte ein Fahrgast versucht, sie von hinten zu begrabschen. Dem hatte sie eine volle Ladung Pfefferspray ins Gesicht geblasen und ihn kommentarlos auf die Straße gesetzt. In ihren Augen waren die meisten Männer nur schwanzgesteuerte Egoisten. Am Ende musste doch wieder die Frauen für alles her halten. Ihre Ehe war eine sehr prägende Schule gewesen.
Wenn sie die Augen schloss, sah sie ihn manchmal noch über seine Panzermodelle gebeugt da sitzen. Sie roch den beißenden Gestank des Klebers. Er drehte sich um, seine Lippen bewegten sich mit der ihnen eigenen Überheblichkeit. Aber Uschi verbot ihm in Ihrer Erinnerung etwas zu sagen. Kein Ton kam aus dem fetten Sack heraus. Er hatte genug Scheiß geredet. Sie wollte das nur noch vergessen.

Ob diese Typen da draußen auch so waren? Manchmal hatte sie ja einen Netten im Wagen, einen mit leiser Stimme und Fragen statt Antworten. Sie suchte dann krampfhaft nach der Schwachstelle und meist fand sie sie innerhalb von wenigen Minuten. Mehr Zeit blieb ihr ja nicht. Sie war dann fast schon froh. Bei denen sie auf die Schnelle keinen Fehler entdecken konnte, war sie froh, wenn sie ausgestiegen waren. Gefahr gebannt.
Bis sie abends an ihrem Resopaltisch in der Küche saß, das geschmierte Brot vor sich. Sie ließ den Tag Revue passieren. Dann ärgerte sie sich, dass sie das geworden war, was sie war. Und sie hasste die Männer, die ihr dabei hilfreich gewesen waren, so zu werden. Und was hatte sie als junges Mädchen nicht alles werden wollen!

Uschi wollte gar nicht mehr werden. Es genügte ihr zu sein. Sagte sie sich immer wieder.

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