Eleonora

Man hatte ihr vor drei Stunden ein Mittel gespritzt, irgendwas mit Jod. Vor fünf Minuten dann war sie mit ihre Kopf voran in den Kernspintomographen geschoben worden. In ihrer linken Hand hielt sie den verkabelten Notrufknopf. Es gab Menschen, die in Panik gerieten. Die Untersuchung dauerte schließlich eine dreiviertel Stunde. Es gab Angenehmeres, aber Eleonora war sich sicher, dass sie den Knopf nicht benötigte. Die Schwester hatte darauf bestanden, ihn ihr in die Hand zu drücken.

Etwas stimmt in ihrem Kopf nicht und bisher hatte ihr kein Arzt helfen können. Nun wurde der Sache endlich auf den Grund gegangen. Das Gerät um sie herum klickte unangenehm laut. Man hatte sie im Vorfeld darauf hingewiesen, aber sie erschrak trotzdem. Der Apparat machte seine Aufnahmen.

In dem Untersuchungszimmer war es nicht gerade warm. Eleonora hatte zum Glück ihre Kleidung anbehalten dürfen. Nur Kettchen und Ringe waren ihr abgenommen worden. Sie lagen in einem Nierenschälchen aus Pappe auf einer der stählernen Ablagen.
Langsam entspannte sie sich. Ihre Gedanken begannen zu kreisen. Sie fragte sich, ob der Apparat das auch messen konnte.

Sie bekam Lust, eine zu rauchen. Das ging hier natürlich nicht. Nachher würde sie Klaus, der sie hergebracht hatte und draußen im Wartezimmer saß, um eine bitten. „Der gute Klaus!“ dachte sie voller Zuneigung. Er hatte extra seine Kneipe den Nachmittag über zugelassen. Eleonora konzentrierte sich, um zu überlegen, wann das letzte Mal jemand so etwas Nettes für sie getan hatte. Ihr fiel der Mann ein, der ihr letztes Jahr zehn Euro Trinkgeld gegeben hatte. Einfach so. Sie stellte sich den Schein vor, wie er da plötzlich auf ihrem Tellerchen gelegen hatte. Den Mann hatte sie nur noch von hinten davon gehen sehen.

Sie dachte an ihre Mutter. Dann wieder an Klaus. Das war schöner. Sie wollte an nichts Blödes denken, während die Maschine in ihren Kopf schaute. Es klickte unentwegt.

Klaus hatte sie letztes Wochenende mit auf eine Oldies-Party genommen. Da traten die Original-Stars von früher auf. Sie war ganz außer sich gewesen, hatte mit gesungen, sich jung gefühlt, Klaus geknutscht und der hatte sich das gefallen lassen. Die Karten hatte ihm ein Kumpel, der bei der Konzertagentur arbeitete, geschenkt. Sie kam nicht auf den Namen. Während der paar Stunden war sie so glücklich gewesen, dass sogar ihre Kopfschmerzen nach gelassen hatten. „Klaus ist echt ein prima Kerl,“ freute sie sich.

Als ihr Hausarzt vor ein paar Wochen die Überweisung geschrieben hatte, waren ihre Sorgen riesig gewesen. Jetzt musste sie fast schon auf die heftigsten Schmerzattacken warten, um an ihre Krankheit erinnert zu werden. Und nachts natürlich dachte sie auch daran, wenn sie wach lag und niemand da war. Oder wenn im Fernsehen Medizinsendungen liefen: aufgeschnittene Brustkörbe, Skalpelle, Blut. Dann auch. Aber dann schaltete sie schnell um.

In ein paar Tagen wusste sie sowieso Bescheid. Ihr Arzt würde ihr schon sagen, was mit ihr los ist und was man dagegen tun kann. Darauf vertraute sie und darauf, dass Klaus dann da war und leise zu ihr sagen würde: „Keine Angst, Eli, das wird schon. Wer soll denn sonst die Klos bei mir putzen?“

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