Stefan

Stefan hing da. Monstrella hatte ihn auf seinen Wunsch hin verlassen. Sie war gnädig gewesen und hatte ihm tatsächlich seinen Wunsch erfüllt. Als sie die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, hätte Stefan vor Glück weinen können. Dann aber kam doch wieder das alte Gefühl hoch, nicht würdig zu sein. Sie war viel zu gut zu ihm und er verdiente das nicht. Er verspürte das dringende Verlangen, sich bestrafen zu lassen.


Laut rief er ihren Namen, aber der Raum, in dem er an einem Andreaskreuz hing, war dick gepolstert und damit absolut schalldicht. Die Fesseln schnitten allmälig in seine Handgelenke. Sehnsüchtig schaute er zu der Gerte hinüber. Monstrella hatte sie in seinem Blickfeld positioniert. „Das gerissene Stück!“ dachte er und verbesserte sich sofort wie von selbst: „Die gnädige Herrin!“ Ihre strenge Erziehung brachte die ersten Früchte hervor. Stefan freute sich, dass er das hier nicht nur für sein Vergnügen, sein zugegebenermaßen etwas spezielles Vergnügen, tat, sondern dass er auch etwas dazu lernte. Demut.

Die Arme schliefen ihm ein. Es kribbelte so sehr in seinen Fingerspitzen, dass es weh tat. Außerdem wurde ihm kalt. Stefan streckte den Hals, damit er an sich herunter sehen konnte. Sein Schwanz war schon ganz klein geschrumpft. Er sehnte sich nach Monstrella, nach ihren professionell ausgeführten Schlägen, die die Wärme zurück brachten. Er sehnte sich danach, sich wieder spüren zu können. Nicht nur im Kopf das Denken fühlen wollte er.

An der Tür war ein Schild angebracht, gusseisern, auf dem stand: „No Exit“. Und doch war er schon so oft da hinaus gegangen, das heiße Jucken der Striemen auf seinem Rücken unter dem kühlen Stoff seines Hemdes spürend. Noch ungefähr zehn Minuten schätzte Stefan, dann lief seine Sitzung ab. Dann würde Monstrella ihm befehlen, sich zu beeilen, seinen stinkenden Leib endlich aus ihren Augen wegzuschaffen.

Der Wunsch, seine Herrin wieder zu sehen, wurde übermächtig. Stefan wand sich in seiner unbequemen Haltung als könnte er sich dadurch los machen. Aber die Fesseln saßen zu fest. Er kam nicht frei. Wieder schrie er ihren Namen.

Klar war das albern! Allein dieser Name müsste einen normal gepolten Menschen schon zum Lachen bringen. Und doch war Stefan kaum etwas ernster als das hier. Es war als bestünde sein Wille aus zwei völlig getrennten Teilen.

An manchen Tagen konnte er sich in diesem Zimmer einfach fallen lassen. Dann erschien ihm sein Besuch wie ein guter Kinofilm. Dieses Gefühl, wenn man hinterher in die klare Luft hinaus geht und die leichte Verwirrung genießt, die daher rührt, dass ein Teil des Selbst noch auf der Leinwand weiter lebt. So in etwa.

Und manchmal war es, als wachte er mitten in der Sitzung auf. „Was mache ich hier?“ fragte er sich dann und er fand keine Antwort. Nie. Er wusste nur, dass er da war und gleich würde die Unsicherheit wieder verschwinden. Und Monstrella würde da sein und die Schmerzen und die Sicherheit.

Stefan seufzte. Er konnte den Schmerz in seinen Armen kaum mehr ertragen. Es war alles gut.

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