Zoe

Seit einer geschlagenen halben Stunden betrachtete Zoe sich nun schon im Spiegel. Das Badezimmer war angefüllt von warm-feuchter Luft. Sie hatte geduscht – heiß, als hätte es gegolten, den ganzen Dreck der Welt von ihrem jugendlichen Körper zu waschen und noch immer fühlte sie sich irgendwie schmutzig und hässlich.

Das Fenster wollte sie nicht öffnen. Lieber hatte sie den Spiegel mit einem Waschlappen abgewischt. Sie hasste es, zu frieren. Richtig schlechte Laune bekam sie davon.

Ihre vom Duschen aufgeweichten Pickel hatte sie sich schon ausgedrückt, Deo unter die rasierten Achseln geschmiert, Kajal aufgetragen. Wenn sie den Mund öffnete, um sich auch dort zu kontrollieren, blitze ihr ihre Zahnspange entgegen. Ihre herausgestreckte Zunge war belegt. Sie putzte sie schnell mit der Zahnbürste.

Draußen im Flur hörte sie ihren Vater fluchen. Er musste jetzt zur Arbeit und sie belegte so lange das Badezimmer. Dennoch konnte sie sich nicht losreißen. Wie so oft. Unter keinen Umständen würde sie auf die Straße gehen, ohne vorher das Beste heraus geholt zu haben.
Gleich würde er gegen die Tür pochen und sie vehement auffordern, endlich rauszukommen. Sie fühlte sich aber noch nicht so weit. Wenn sie nur etwas gegen ihre Unzulänglichkeit tun könnte! Fast panisch griff sie zu Mamis Lippenstift, malte sich die Lippen an, schaute in den Spiegel und wischte sich wieder alles ab. Die Jungs in ihrer Klasse würden sie ganz bestimmt auslachen. Dabei reichte es schon, dass man sie in der 9a allgemein Nosy nannte. Zoe hatte mit der Zeit gelernt, ihre Nase für zu groß zu halten. Manchmal wollte sie sich das Teil einfach aus dem Gesicht schneiden. So sehr hasste sie sich dafür. Ihre Mutter sagte häufig zu ihr, dass sie eine hübsche Charakternase hatte. Charakternase! Außerdem zählte nicht, was ihre Mutter sagte.

Nach dem Sport betrachtete sie die anderen Mädels und verglich sich mit ihnen. Kara hatte schon richtige Brüste und Susanne einen tollen Arsch. Die konnte alles anziehen und sah toll aus. Zoe trug in der Schule nur Sweater und Jeans. Sie wollte unter keinen Umständen auffallen, vor allem nicht negativ. Dabei drängte in ihr etwas, sich zu zeigen. Diesem Gefühl nicht nachgeben zu können, frustrierte sie.

Einmal war sie mit Kara shoppen gewesen. Das erste Mal ohne Eltern. Die beiden Mädels hatten die S-Bahn in die Stadt genommen und waren stundenlang durch die Fußgängerzone gegangen, von einem Laden zum anderen. Alle voller bunter Mädchenträume.

Auf der Rückfahrt hatte ihr Kara ihre neuen Klamotten aus einer prall gefüllten Einkaufstasche gezeigt. Als hätte sie nicht schon in den Shops jeden Fetzen Stoff, den ihre Freundin zur Kasse getragen hatte, genau registriert. Sie selbst hatte sich ein silbernes Kettchen gekauft. Die Horrorvorstellung, dass sie in eine Umkleidekabine musste und Kara vielleicht mit wollte, hatte sie von allem anderen abgehalten. Zwei Monate später war Kara mit einer aus der elften Einkaufen gegangen. Zoe hatte deswegen geweint.

Ihr Vater klopfte an die Tür. „Noch zehn Minuten,“ rief sie und griff zur Plastikflasche mit der Lotion. Die Haare musste sie sich auch noch machen. Scheiße!

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