Darius

Die Hitze des Tages war aus dem Tal den Hohlweg hinauf geflossen und hatte sich dort mit der kühlen Feuchte des Waldes vermischt. Er hatte Mini da oben getroffen, auf dem Kamm des Berges. Verlegen war er gewesen, schüchtern, seiner selbst völlig unsicher. Sie dagegen hatte unumstößlich gewirkt, als hätte sie alles gewusst, über sich, über ihn, über die Leute im Tal da unter ihnen. An diesem Tag hatte Darius sich verliebt und das hielt bis in eine völlig andere Zeit an einem völlig anders gearteten Ort.

Sie hatten eine Eichel aus jenem Wald in den Boden ihres Gartens in der Stadt gesteckt. Der Baum war ihm im vergangenen Jahr über den Kopf gewachsen.

Manchmal erinnerte sich Darius bei seinem Anblick an ihre Begegnung oben auf dem Berg, an ihre zärtliche Annäherung und den sommerlichen Duft ihres Kleides, das sie sich über den Kopf gezogen hatte, damit die beiden darauf legen konnten, ins Gras, das trocken war und nach Kräutern roch.

Über 500 Jahre konnte eine Eiche alt werden, hatte Darius im Radio gehört. Er überlegte, was vor 500 Jahren war. 1508. Er schaltete den Rechner an und googelte. Die Renaissance war im vollen Lauf. Man entdeckte den Menschen in seiner Würde als Mensch wieder, seine Schönheit wurde dargestellt, das Maß war nicht mehr der entrückte Himmel. Zumindest für eine kleine Elite. Wie weit entfernt fühlte sich Darius von solchen Idealen. Ihm erschien der Mensch eher als Bedrohung und die Eiche draußen als … Ja, als was? Zumindest befand sich der Baum nicht auf seinem Bildschirm. Er war nicht in Stein gemeißelt oder aus seinem eigenen Holz geschnitzt. War er deswegen weniger ein Abbild?

Dort oben standen Hunderte Eichen, Wildschweinspuren zwischen den Stämmen.

Vor seinem Fenster sah er im milchigen Morgenlicht die paar Meter Grünfläche, die zu ihnen gehörten, ein paar Sträucher, das Blumenbeet. Dahinter wurde es grau. Das Grau des Asphalts, die Glätte der Zweckmäßigkeit. Nach dem Maß des Menschen angelegt und nach den Bedürfnissen von Maschinen. Darauf bewegten sich Personen mit Fahrzeugen oder zu Fuß. Manche trugen Plastikbeutel. Die waren bunt und die Fahrzeuge auch.

Darius gab den Namen seiner Frau in die Suchmaschine ein und fand das Foto, das sie im Businessanzug zeigte. Sie lächelte fremd. Er hätte gern zu ihr gesagt, dass sie sich entspannen sollte. Gern hätte er ihre Hände gestreichelt, die immer warmen Hände, um ihr zu zeigen, dass er sie mochte.

Sie aber war mit dem Kind übers Wochenende aufs Land gefahren. Er war in der Stadt geblieben. Vielleicht gingen sie gerade in dem Moment, in dem er an früher dachte, den alten Hohlweg hinauf. Vielleicht dachte sie auch an alte Zeiten. Liebevoll. Er wünschte es sich.

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