Mick

„Du coole Sau,“ hatte Blake anerkennend geschrieben. Die SMS war gerade reingekommen. Mick hielt sein Handy noch in der Hand.

Er war stehen geblieben, um die Nachricht zu lesen. Klar hatte er darauf gewartet, dass er irgendeine Reaktion bekommen würde. Damit, dass sie ausgerechnet von Blake, den alle nur Captain Blake nannten, kam, hatte er nicht gerechnet.

Wie zur Strafe dafür, dass er so begierig auf eine Bestätigung seines Erfolgs gewesen war und sein Handy unbedingt schon auf dem Weg zur Haltestelle zur Hand nehmen musste, stehen geblieben war und die drei Wörter auf dem Display mehr als einmal gelesen hatte, war ihm jetzt der Bus weggefahren. Er konnte die roten Rücklichter an der nächsten Kreuzung leuchten sehen. Dann bog der Bus um die Ecke und verschwand. Der nächste würde erst in zwanzig Minuten kommen. Es war Nacht. Nachts waren alle Katzen grau und die Busse fuhren selten. „Immerhin besser als auf dem Land. Da wickeln sich um diese Zeit besoffene Jungmänner in ihren Gebrauchtwagen um Alleebäume,“ dachte Mick.

Die Straße war menschenleer. Die Haltestelle gehörte ihm. Er ärgerte sich, dass er sich nicht ein Bier für den Weg mit genommen hatte. Früher hatte er das immer gemacht. Wenigstens konnte er eine rauchen. Eine war noch in der Packung. Mick fummelte sie heraus, zerknüllte die Hülle, warf sie in den vor ihm hängenden Mülleimer und ließ sein Feuerzeug aufschnappen. Geruch von Benzin stieg ihm in die Nase, dann der einer Flamme, dann der von loderndem Tabak. Mick wusste das alles zu schätzen, inhalierte und atmete langsam, wie befreit aus. Der Rauch zog als bläulich weiße Wolke durch die eiskalte Luft und verflüchtigte sich erst über dem gegenüber liegenden Bürgersteig.

Mick konnte nicht glauben, wie klischeehaft sein Leben manchmal verlief. Da saß er mitten in der Nacht an einer verlassenen Haltestelle, begann sich schon als einsamer Wolf zu fühlen und rauchte seine letzte Zigarette. Es hätte nur noch gefehlt, dass er sie mit einem Bettler, Kameraden oder Todgeweihten teilte. Und die leise aber dramatische Musik im Hintergrund die fehlte auch. Er fragte sich, ob andere Menschen auch so empfänden. Oder war nur er so medienverseucht, dass er fast jede Begebenheit, fast jede Begegnung kulturell einordnete und so selbst zum Darsteller in sich ständig wiederholenden Szenen wurde. Er schnippte die Kippe auf die Straße.

Dann schaute er auf die Uhr. Noch zehn Minuten.

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