Celeste

Der Fernseher zeigte Bilder von der Eröffnung eines Luxushotels in China. Dort musste es jetzt früher Abend sein. In Zürich hatte gerade der Vormittag begonnen. Die Büromenschen saßen an ihren Büroplätzen, der erste Bürokaffee war getrunken. Die kollektive Konzentration richtete sich nun auf die Vermehrung des allgemeinen und persönlichen Wohlstands.

Celeste sah keinen Grund, schon aufzustehen. Sollten die anderen sich doch abstrampeln und verrückt machen lassen. Sie hatte gerade ihr Soziologie Studium geschmissen und war wild entschlossen, die Dinge auf ich zukommen zu lassen. An diesem Tag bedeutete das erst einmal, dass ihr die Welt vom Bildschirm am Fußende ihres Betts entgegen kam. Seit zwei Stunden zappte sie sich durch die Programme. Vor einer Stunde hatte sie den Ton abgestellt. Das zusammenhangslose Geschwätz, die plärrenden Werbetrailer und Klingeltonanmachen fielen ihr auf die Nerven. Nachrichtensendungen bildeten dagegen einen Hort der Geborgenheit. Mit ihrer nahezu liturgischen Form sorgten sie international für Verschnaufpausen im medialen Orkan. Waren die Inhalte auch furchtbar erschreckend, Kriegsverläufe, Vertreibungen, Kindsmissbrauch, so konnte man doch sicher sein, dass am Ende ein Boulevardthema Erlösung versprach. Dann das Wetter.
Noch besser gefielen Celeste Natursendungen. Dafür war es aber zu früh am Tage. Und so starrte sie auf die vielen Menschen hinter Absperrungen, die die wenigen Menschen auf dem roten Teppich anstarrten. Da verlief die Grenze: Die einen starrten, die anderen wurden angestarrt. Wurde man angestarrt war man im Popsinn prominent oder ein prominenter Verbrecher.

Der Soziologie konnte sich Celeste einfach nicht mehr widmen. Von einem Tag auf den anderen war das so gekommen. Zu Beginn ihres Studiums hatte sie sich gefühlt, als würden ihr verklebte Augen geöffnet. Sie bekam ein Instrumentarium an die Hand, das ihr erlaubte, alles und jeden zu beurteilen. Jede erdenkliche Position meinte sie mit Verweis auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge, das Bedingtsein des Möglichen relativieren zu können. Das gefiel ihr ausgesprochen gut, bis sie merkte, dass auch ihre Basis aus grundlegenden Einstellungen brüchig geworden war. Sie war sich auf ein Mal nicht mehr sicher, ob an Stelle dieses Fundaments ein neues treten würde. Und was half schon alle Kritik, wenn die Kritik alles auflöste und sich am Ende damit selbst? Man konnte noch eine zeitlang diesen Prozess beschreiben, fasziniert das entstandene Nichts betrachten, sich in Meta- und Postismen suhlen. Das alles erschien ihr wie die Weiterbeschäftigung einer Belegschaft, die zu guter Letzt noch das eigene Werk zu zerlegen hatte. Sie musste da raus, schnell.

Der Ausgang hatte sie direkt in ihre vier Wände geführt. Dort war sie zumindest ihrer selbst sicher. Manchmal ging sie nach draußen, Biertrinken mit Bekannten. Das gab ihr eigentlich nichts mehr. Trotzdem folgte sie den wenigen Einladungen. Sie tat es, weil sie meinte, es ihrer psychischen Hygiene schuldig zu sein. Ihre Familie lebte im Rheinland. Manchmal dachte Celeste an sie. In zwei Wochen würde sie kein Geld mehr haben. Und das in Zürich.

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