Adele

Ihr Blick war lange auf ihre Hände gerichtet gewesen. Sie hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob sie dabei etwas gedacht hatte oder nicht. Es war totenstill in ihrer Wohnung. Die Nachbarn waren entweder arbeiten, einkaufen oder saßen ähnlich wie Adele in ihren Wohnzimmern und schwiegen. Familien mit Kindern gab es schon lange nicht mehr in dem Wohnblock. Draußen, hinter dem Haus standen noch alte Spielgeräte. Eine Wippe, eine Rutsche und ein Klettergerüst, an dem etwas rote, gelbe und blaue Farbe zu erkennen war. Das meiste davon war mit der Zeit abgeplatzt und hatte dem Rost Platz gemacht.

Es war noch zu früh, um den Fernseher anzustellen. Die Zeitung lag durchgeblättert auf den Kacheln des Couchtisches. Der Inhalt interessierte sie immer weniger. Erst hatte sie aufgehört, die Politik- und Sportseiten zu lesen. Jetzt sah sie sich meist nur noch die Todesanzeigen an, verglich dabei gewissenhaft das Geburtsdatum der Verstorbenen mit ihrem eigenen. Viele waren jünger als sie.
Noch aufmerksamer betrachtete sie allerdings die regelmäßig veröffentlichten Fotos von Neugeborenen. Es gab dafür eine extra Beilage, die alle vierzehn Tage erschien. Wenn sie vorher daran dachte, wartete Adele sehnsüchtig darauf. Immer häufiger wurde sie aber bei der flüchtigen Lektüre ihrer Tageszeitung von den Aufnahmen überrascht, die stets glückliche Eltern mit verwirrt dreinblickenden Babys zeigten. Stolz wurde der Nachwuchs in die Kamera gehalten.
Adele interessierte sich für die Namen der Kinder, überlegte gewissenhaft, ob ihr die Nachnamen etwas sagten, ob sie die Eltern oder andere Teile dieser Familie kannte, ob sie vielleicht Grund hätte, eine Karte zu schreiben.

Sie selbst hatte keine Kinder. Es wollte sich nie ergeben. Männer hatten in ihrem Leben keine wesentliche Rolle gespielt. Sie waren Vorgesetzte, Verwandte. Ihr Vater war im Krieg gestorben. „Er ist im Krieg geblieben,“ sagten die Menschen in dem kleinen fränkischen Dorf ihrer Kindheit bedauernd und verharmlosend dazu. Als kleines Mädchen hatte sie sich immer gefragt, was am Krieg denn so prima war, dass ihr Vater dort bleiben wollte. War es bei ihnen zu Hause nicht viel schöner? Und ihre Mutter vermisste den Mann so sehr.

Dann hatte sie es irgendwann verstanden, aber da war der Vater schon zu einem trüben Mythos geworden. Umgeben wurde sein Bild von Begriffen wie Russland, Hitler, Kälte, Hunger, Sibirien, Tod. Dort, wo Adele in sein Gesicht sehen wollte, im Zentrum all dieser Wörter, war ein leerer Fleck und je mehr sie versucht hatte, in dieser Leere doch etwas zu erkennen, desto unbedeutender wurden die schlimmen Wörter, die den verschwundenen Vater wie Eichenlaub umgaben.

Adeles fleckige Hände lagen noch immer vor ihr auf der Tastatur des Klaviers. Versonnen drückte sie ein paar Tasten nieder. Leise Töne trieben schwächlich durch ihr Wohnzimmer. Adele spielte gern Lieder aus dem Gesangbuch. Ihr dünner Sopran war brüchig geworden, aber sie sang weiter tapfer die Texte von Luther, Paul Gerhardt oder Tersteegen. Diese Lieder trösteten sie, auch wenn sie nicht genau sagen konnte, wofür sie Trost beanspruchte. Sie war fest davon überzeugt, dass sie es doch gut gehabt hatte und das Alter war nach Adeles Ansicht nicht der richtige Zeitpunkt übertrieben zu klagen. Ihre Altersgenossen, die sich nicht zusammen reißen konnten, stießen sie ab. Sie wollte mit denen nichts zu tun haben. Das Gejammere von Greisen konnte Adele nicht ertragen.

Als sie den Deckel des Klaviers geschlossen hatte, betrachtete sie ihre Hände. Es war nicht zu glauben, dass sie zu ihr gehören sollten. Sie waren ihr fremd geworden.

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