Norbert

Schwarze Vögel flogen flatternd über ihm. Norbert stand auf einem winterlich umgepflügten Acker. Schwerer Boden haftete an den Sohlen seiner Stiefel. Die klebrig kühle Fruchtbarkeit der Erde stand in krassem Gegensatz zu den geordneten, gereinigten, geebneten Wegen, die Norbert gewohnt war zu gehen. Sie schien ihn mit zähem Widerstand festhalten zu wollen. Norbert wusste nicht, ob er leben wollte oder was.

Dieses was aber war es, das ihn hier her gebracht hatte. Unter diesen grauen Himmel, auf den Acker, der ihm seine schmierige Scholle zwischen die Ritzen seiner Sohlen rieb.
Dieses Land bringt zuverlässig seinen Ertrag. Welchen Ertrag bringe ich und wer legt das fest, was man Ertrag nennt. Kann man Ertrag als etwas beschreiben, das mit Überfluss zu tun hat? Überfluss, der anderen zu Gute kommt. Was sind Andere?

Norbert überlegte, wen er kannte und ob er diesen Leute zu Gute kam. Es war frustrierend. Er wollte nicht länger darüber nach denken.
Mit schmatzendem Tritt bewegte er sich einen Schritt weiter. In der Ferne erstreckten sich als bläuliche Schemen die gleichförmigen Häuser einer Vorstadt. In Form und Inhalt gleichförmig.

Scheiß Zersiedelung! Müssen diese ganzen Leute ins Grüne ziehen wollen? Ins Braune. Und dann mit ihren Blechbüchsen in die City – arbeiten. Jeder einzelne für sich in einer Tonne Blech und überzeugt davon, dass alles in Ordnung ist, so wie es ist.
Genauso wie es nicht in Ordnung ist, dass ich eine Ordnung annehme, die vielleicht gar keine ist, höchstens meine, und sie doch auf andere anwende. Ich andere zum Objekt meiner Ordnung mache. Sie anderen abverlange, obwohl ich das stets bestreiten würde.

Er hatte im Fernsehen in einer Sendung über den Kiez eine Frau sagen hören, dass die Leute, die auf der Strasse lebten, ihren Kindern, sechs und zehn, als Beispiel dafür dienten, dass sie es doch gut hätten in ihrer großen Wohnung. Und eben nicht auf dem Land. Das wäre ihr dann schon wichtig. Klar gäbe es Nachteile.


Oder überinterpretiere ich das jetzt wieder. Die arme Frau und ich denke ungerecht über sie. „Du bist so hart,“ sagte Mutter oft anklagend. Stimmt schon. Man vergisst zu leicht die Kameras und irgendwas muss sie ja hinein sagen. Sie ist in der Pflicht, nachdem sie erst zu gesagt hat und jetzt die anderen etwas von ihr erwarten. Sie soll etwas dazu sagen. Und dann sitzen da diese Penner und sie steht davor mit den Kindern, die sich halb hinter ihr, der Mutter, verstecken und sie muss den Kindern doch etwas beibringen. Und dann denkt sie vielleicht auch: Etwas zu leisten, bedeutet Überfluss herzustellen.

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