Der kleine Morth (lvii)

Endlich hatte auch Sue genug. Die Plastiktaschen waren prall gefüllt. Man konnte sich wieder gemeinsamen Freuden zuwenden und beschloss, die Klamotten schnell bei Sues Bude vorbeizubringen und dann den Abend mit ein paar Drinks in Alfons Bar einzuläuten. Vielleicht hätten sie später noch Lust, ins Crack zu gehen.

Morth wartete draußen. Er rauchte. Die Leute gafften ihn an im Vorbeigehen an. Es störte ihn nicht. Was ihn aber irritierte war, dass Sue mit einer anderen jungen Frau aus dem Haus trat, die beiden angeregt tuschelten und sich anscheinend sehr freuten.
“Das ist Marlies,“ sagte Sue lächelnd. „Sei bitte nett zu ihr. Sie ist gerade heute aus Papua zurück gekommen. Und wir haben uns seit fünf Monaten nicht mehr gesehen. Du hast doch nichts dagegen, wenn sie uns begleitet.“
Marlies schaute Morth wie ein treuer Pudel an und Morth machte „Grmpf“, was soviel bedeutete wie ‚meinetwegen“, und gab ihr die Hand.
Marlies’ Hand war feucht wie ein Schwamm und ihr Händedruck der eines Babys. Morth fragte sich, was er nur verbrochen hatte. Nach ein paar Wortwechseln stellte sich aber heraus, dass Marlies wenigstens im geistigen Bereich fit schien. Sie baute Kindergärten in Entwicklungsländern auf, kam aber eigentlich vom Theater.
Diese Welt war ihr irgendwann zu abgehoben und so hatte sie noch ein Studium in Pädagogik angehängt. „Ich muss was Praktisches machen,“ sagte sie stets in breitestem Schwäbisch.

Der Abend wurde ganz nett. Irgendetwas verband Morth mit Marlies, auch wenn er nicht so schnell dahinter kam, was es war. Er jammerte über sein Schicksal als Maler. Beschwerte sich, dass die Leute sich null für die Bilder aber wahnsinnig für Kritiken, Rezensionen und Lobeshymnen interessierten.
“Also ich würde die Bilder wirklich gern mal sehen,“ sagte Marlies dazu und stülpte sich den Rest ihres Pina Coladas rein. Mit einem Wink bestellte sie sich noch einen.
Dann erzählte Sue von sich und dem Bayrischen Wald. Erwähnte die Geschichte ihrer Rückkehr und wie sie Morth mit Charlotte „erwischt“ hatte. Alle drei lachten. Sie berichtete, was an der Uni ging, welcher Professor was gesagt oder nicht gesagt hatte und welche Auswirkungen das auf die Ergebnisse von X oder Y hatte. Und schließlich kam auch Marlies etwas ausführlicher zu Wort.
Ihre Beschreibungen von Papua waren überaus lebendig, Morth meinte fast das Kreischen von Papageien zu hören. Er hörte dieser etwas dicklichen Frau ausgesprochen gern zu. Sie hatte Baumstämme zu Brettern zersägt, hatte Beamte mit Schnaps bestochen und sich am Ende glücklich strahlend vor einem fertigen, neuen Kindergarten im Busch fotografieren lassen. Das Foto lag jetzt vor ihnen auf dem Tisch. Morth sah es sich genau an. Es faszinierte ihn, Marlies in einer fremden Welt zu sehen, im Hintergrund ein Bauwerk, dass es ohne sie wohl nicht geben würde, umringt von Menschen, die hoffnungsvoll und zufrieden drein zu blicken schienen.
Marlies bestellte ihren dritten Drink. Diesmal entschied sie sich für die einfache Variante: Rum ohne alles. Morth und Sue schlossen sich an. Langsam nahm der Abend Fahrt auf.

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