Wilhelmsburger Ansichten (16)

Polemischer Auftakt

Ein schräges Bild: Eine wachsende Stadt springt über die Elbe in ihr neues Herz hinein. Doch statt diese „neue“ Mitte, die nicht neu sein kann, sondern längst schon da ist, neu zu entdecken, schaffen die Planer und Geldvermehrer Räume für die, die sich ohne lokale Bindungen durch kulturelle Orte bewegen sollen. Dort sollen sie nichts hinterlassen als Profit.

Dabei kann gewachsene Kultur und die Zeit für humane Veränderung des Bestehenden keine Rolle spielen. Es geht vielmehr um die schnelle Bereitstellung international vergleichbarer Angebote, Lebensangebote: Wohnräume, Arbeitsräume, Freizeiträume. Dort verbringen die gewollten Anwohner ihre international vergleichbare Wohnzeit, Arbeitszeit und Spaßzeit. Dort verbringen sie ihre Zeit in international vergleichbaren Milieus. Zur Unterscheidung zu einem Leben in Berlin Prenzlauer Berg oder Barcelona stehen eine lustige, lokale Fahne mit Herzen drauf und etwas hanseatisch-maritimes Flair zur Verfügung.

Eines Tages werden Investition und Rendite buchhalterisch verglichen und Bilanzen gezogen. Verluste bei einzelnen sozialen Gruppen interessieren dann nur noch am Rande. Hauptsache die Kasse stimmt.

Schanzifizierung

Der Begriff der Schanzifizierung geistert durch viele Diskussionen zum Umbau Wilhelmsburgs. Meist ist mit diesem Stichwort die Furcht verbunden, dass speziell das Reiherstiegviertel zum neuen, konstruierten In-Stadtteil werden wird, in dem sich plötzlich nur noch werbetreibende und Milchkaffee trinkende Jugendliche bewegen, Retro-Turnjacken und verunsichert-arrogant dreinblickende Kids das Straßenbild bestimmen.

Der ehemalige Arbeiter- und Migrantenstadtteil Wilhelmsburg würde zur pittoresken Kulisse für modische Eitelkeiten verkommen. Die Entwicklung im Schanzenviertel und den angrenzenden Bereichen, wie der Wohlwillstraße auf St.Pauli, dient zur lebendigen Anschauung und vielen zur Abschreckung. Da, wo sich noch vor ein paar Jahren Klein- und Ein-Personen-Szenen willkürlich näher kamen und bereicherten, dominiert heute zunehmend die Oberflächlichkeit und Austauschbarkeit einer Eine-Welt-Kultur mit Profithintergrund.

Im Reiherstiegviertel nun wird versucht, direkt vom stummen Nebeneinander der Kulturen in die schöne, neue Welt der globalisierten Einheitsküche zu springen. Dabei kann es wenig um die Anregung von Dialog, die Anerkennung des Bestehenden und die Aktivierung von vorhandenem Potential gehen. Es geht darum, feststehende Ziele planerisch und vor der Deadline 2013 umzusetzen. Der Prozess der Anpassung soll beschleunigt werden. Kommen die Anwohner da mit?

Welche Anwohner verdient der Reiherstieg?

Das Reiherstiegviertel ist noch geprägt von gewachsenen, nachbarschaftlichen Strukturen, kleinem Einzelhandel und einem relativ einheitlichen, niedrigen Einkommensniveau. Die seit circa zwei Jahren verstärkt zuziehenden Studenten passen gut in diese Umgebung und beleben das Viertel, zumindest dort, wo Altbauten stehen, merklich. Als meist „deutscher“ Zuzug sind sie vielen „deutschen“ Ansässigen auch willkommen. Der Handel sieht neue Marktchancen.

Im Unterschied zum Schanzenviertel fehlen am Reihersteig aber die Strukturen einer Szene, die die Schanze schon vor ihrem Umbau zu bieten hatte: Clubs, Mode- und Plattenläden, jugendliche Cafes. Reichlich vorhanden ist dafür die Möglichkeit zur Identifizierung als Wilhelmsburger in Abgrenzung zu den Hamburgern. Man spricht davon, nach Hamburg zu fahren und kokettiert gern damit, da zu wohnen, wo es so ganz anders ist, als in der Stadt: Viel Grün, Kinder, die angstfrei nach draußen gehen können, angelnde Jugendliche und eine Umgebung, die noch nicht völlig zum eigenen Klischee geworden ist. Wilhelmsburg will noch entdeckt und erkundet werden. Dieser Vorgang verändert die Zugezogenen und ihre Lebensgewohnheiten.

Die Aktionen des IBA Kultursommers haben nun aber vorwiegend ein Publikum angesprochen, das aus Eimsbüttel, Eppendorf, Altona oder dem „neuen“ St.Pauli stammt. Tocotronic statt HipHop, Bespaßung statt Aktivierung, „deutsche“ Studenten statt Migrantenkinder. Warum? Ein Grund dafür könnte sein, dass diejenigen, die die IBA vertreten, selbst eher in der Schanze oder Winterhude wohnen oder sich stark an den dortigen Szenen orientieren. Der Import von Kultur und Kunst über die Elbe erfolgt, so kann man es wohl verstehen, im Bewusstsein, in Wilhelmsburg ein bisher unbespieltes Versuchsfeld vorzufinden. Ansässige Kultur wird als Randphänomen behandelt oder als nützliche Plattitüde („buntes, internationales Wilhelmsburg“) benutzt. Probleme werden verniedlicht („buntes, internationales Wilhelmsburg“) und rhetorisch verwischt. Die Methoden einer Werbeagentur eben.

Es bleibt abzuwarten, ob diese Marketing- und Kunstmaßnahmen den Zuzug der herbeigewünschten Zielgruppen nach sich ziehen wird. Zweifelhaft ist jedenfalls, ob diese Leute in Wilhelmsburg dauerhaft das finden, was sie suchen. Es ist aber auch abzuwarten, ob das Reiherstiegviertel mit all seinen Vorzügen und Eigenarten die Kraft entwickelt, so etwas wie eine eigenständige (Jugend-) Kultur herauszubilden. Denkbar ist zum Beispiel, dass sich hier eher Menschen ansiedeln, denen Platz wichtiger ist als wochenendliche Gruppenerlebnisse, nachbarschaftliche Solidarität wichtiger als individueller Hedonismus und zwischenmenschliches Miteinander wichtiger als das Elitegefühl bestimmter Szenen. Erste Entwicklungen in diese Richtung lassen sich im Umfeld der Honigfabrik und der zahlreichen, aktiven Wohngemeinschaften in der Fährstraße erahnen.

mokrystr

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