Der kleine Morth (lvi)

Sue stand freudestrahlend und mit einer Flasche Sekt bewaffnet vor ihm. Morth erbleichte schlagartig. „Hallo, Süßer,“ sagte seine Freundin. „Überraschung!“

“Sue, das ist Charlotte. Charlotte, das ist Sue,“ gab sich Morth förmlich als er nach einem knappen aber informativen Wortwechsel an der Wohnungstür zusammen mit Sue ins Wohnzimmer kam und versuchte, die Weichheit seiner Kniekehlen zu ignorieren.

Die peinliche Begegnung verlief zu Morths Freude glimpflich. Charlotte benahm sich überaus professionell. Sie plauderten noch etwas und nach einer halben Stunde verabschiedete sich Stiefers Praktikantin mit dem Hinweis, dass man sich ja einig wäre und alles besprochen sei. Küsschen links, Küsschen rechts und Sue und Morth waren allein.

„Da hast Du Dir ja eine chice Mitarbeiterin ausgesucht,“ frotzelte Sue zwar noch, aber dann war der Keks gegessen und Morth entspannte sich. Seine Freundin erzählte vom Ausflug in den Bayrischen Wald, erging sich in einer langweiligen Beschreibungen ihrer Forschung und versicherte ihm, wie sehr sie ihn vermisst hätte. „Ich Dich auch,“ sagte Morth.
Der Regen hatte aufgehört. Aus der Wohnung unter ihnen drang Babygeschrei herauf. Sue schmiegte sich in Morths Arme. Er streichelte ihre Brüste.
Als sie miteinander schliefen, schaute ihn Sue plötzlich intensiv an und flüsterte: „Hallo, mein Lieber. Da bin ich wieder.“

Beim Frühstück unterhielten sie sich darüber, wann sie nach New York fliegen wollten, um Fuller zu treffen. In ihrer beider Vorstellung war das Bild von dem amerikanischen Freund schon etwas verblasst. Trotzdem freute vor allem Sue sich ihren heimlichen Schwarm wiederzusehen.
“Ich kann es kaum erwarten, endlich mal nach New York zu kommen. Irgendwie denke ich, dass das einer meiner Sehnsuchtsorte ist,“ sagte sie und Morth meinte schmunzelnd dazu: „Besonders viel florale Forschungsobjekte wirst Du da aber nicht finden.“ „Davon habe ich auch erst mal genug,“ gab Sue zurück und kam um den Küchentisch herum. Sie küsste Morth und setzte sich auf seinen Schoß. „Wollen wir heute blau machen?“
“Nichts lieber als das. Mir hängt dieser ganze Kommunikationszwang so zum Hals raus. Sollen sich Charlotte und die Gabler darum kümmern,“ sagte Morth. Sue blickte erstaunt auf: „Wer ist denn die Gabler jetzt schon wieder? Kaum bin ich mal ein paar Tage weg, hast Du lauter Weiber um Dich.“
Morth erklärte ihr die neuen Verhältnisse und beruhigte Sues aufkeimende Eifersucht mit dem Hinweis auf Gabriele Gablers Alter.

Später schrieb er an Fuller: „Wir kommen. Wann passt es Dir?“ Die mittlerweile aufgelaufenen Mails leitete er in etwa gleichen Teilen an seine Agentin und Charlotte weiter. Dabei übersah er, dass er eine neue Nachricht der Galeristin einfach an sie zurück schickte. Die Gabler wollte mit ihm die Auswahl der Bilder für die anstehende Ausstellung besprechen. Daraus wurde jetzt so schnell nichts.
Stattdessen ging er mit Sue in die Stadt. Gegen Mittag schauten sie im Don Carlos vorbei und aßen eine Kleinigkeit. Timeo überhäufte Morths Begleitung wie üblich mit Komplimenten. Anschließend wollte sich Sue ein paar Klamotten für ihre Reise kaufen lassen. Morth ließ alle Geschäfte und Verwandlungen Sues geduldig über sich ergehen, merkte aber, dass seine Stimmung sich eintrübte. Nickend und ohne richtig hinzusehen stimmte er Sues Auswahl an Kleidung zu. Ihm war längst nach einem guten Schluck, um den Staub der Stadt aus seiner Kehle zu spülen.

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