Der kleine Morth (lv)

„Hör mal zu, Charlotte,“ erklärte Morth als er gegenüber der hübschen Frau in seinem bequemen Sessel saß und ihr ein volles Glas gereicht hatte, „diese Nacht mit Dir war echt der Hammer und ich werde das zwischen uns sicher nie vergessen, aber es gibt da jemanden …“ „Und wo ist dieser jemand jetzt?“ fragte sie dazwischen. „Sue hat zu tun. Lass uns doch einfach den Wein trinken und gut. Bitte,“ antwortete Morth. „Das ist nicht einfach für mich. Ich bewundere Dich doch so sehr und Du machst mich so an,“ sagte Charlotte naiv wie ein Teenager. Sie tat Morth fast leid.
Draußen begann es zu regnen. Der Südwind trieb heftig dicke Tropfen gegen die Fensterscheibe. Es klang als säßen sie in einem Auto, das in der Waschstraße stand. Entrückt, intim. Das machte die Sache nicht gerade leichter. Zumal Charlotte wirklich scharf aussah. Er konnte seine Blicke kaum von ihren langen, gebräunten Beinen und dem tiefen Dekolletee wenden. Zwanghaft bemühte er sich, ihr in die Augen zu sehen. Sie nestelte ununterbrochen an ihrem lila Rock herum.
Morth hatte eine Idee: „Wie wäre es, wenn Du mir bei …, sagen wir, der Präsentation meiner Arbeit helfen würdest? Ich könnte ehrlich gesagt etwas Hilfe gut gebrauchen und Du kennst Dich doch mit Kunst und PR aus.“ Charlotte überlegte kurz. „Was hast Du Dir denn da vorgestellt?“ fragte sie schließlich. „Bisher gar nichts. Ist ja nur so ein spontaner Einfall. Mich nerven zum Beispiel die Mails mit Anfragen von irgendwelchen Leuten, die ich nicht kenne. Oder die Vorbereitung auf Ausstellungen. Eigentlich will ich doch nur malen. Es irritiert mich, dass plötzlich alle etwas von mir wollen. Ich kann schon an nichts anderes mehr denken.“ Charlotte lächelte. „Das merke ich,“ witzelte sie. Sie schien sich mit der veränderten Situation abgefunden zu haben. „O.k., hör zu,“ sagte Morth, „ich gebe Dir die Nummer von meiner Agentin – vielleicht kennst Du die ja auch schon. Sie ist eine Freundin von Stiefer – Gabriele Gabler.“ Zu Morths Überraschung prustete Charlotte los: „Die Gabler? Die alte Schlange! Von wegen Freundin! Allenfalls Ex-Freundin. Der Stiefer hat mir Geschichten von der erzählt, da zieht es Dir die Schuhe aus. Pass bloß auf, auf wen Du Dich da einlässt. Die spielt ein bisschen mit ihrem Ältere-Damen-Charme und meint, alle Männer damit verarschen zu können.“
Morth war vor den Kopf gestoßen. „Wieso,“ war alles, was er noch hervor brachte. Als Übersprungshandlung ging er zur Stereoanlage und stellte die LP an, die auf dem Plattenteller lag. Nervöse Jazzhektik drang viel zu laut aus den Boxen. Die Plattenhülle fiel zu Boden. Er hob sie auf und drehte die Lautstärke herunter.
„Wieso?“ echote Charlotte. „Das will ich Dir sagen.“ Sie wurde von der Türklingel unterbrochen. Morth lächelte entschuldigend zurück ins Wohnzimmer und verschwand dann im Flur.

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