Der kleine Morth (liv)

Gerade als er vor dem Kühlschrank kniete und feststellte, dass er keinen Käse mehr im Haus hatte, klingelte es an der Tür. Beim Aufstehen stieß sich Morth den Kopf. Er fluchte laut. Taumelnd kam er hoch. Reflexartig fuhr eine Hand durchs Haar – kein Blut. Eine spachtelartige Masse aus Crackerbrei und Spätlese klebte zäh an seinen Backenzähnen. Mit der Zungenspitze versuchte er den Teig von den Kauflächen zu schieben. Charlotte stand vor der Tür. „Verdammt …,“ stieß Morth hervor, „wie?…“

Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen, schob ihn rückwärts in die Wohnung zurück und ließ drinnen ihren Mantel vom Körper gleiten. Darunter trug sie ein enges blaues Kleid mit einem Ausschnitt, in den sich die Niagarafälle hätten ergießen können. Morth fühlte sich wie ein Boxer, der von immer neuen Schlägen getroffen, zu keiner eigenen Initiative mehr fähig war.
“Na, Du Schlimmer,“ hauchte Charlotte und nahm seine Hand, um sie sich auf die Hüfte zu legen. Ihr Duft stieg ihm in die Nase. Er ließ es zu, dass sie ihn an sich zog. Blöde starrte er über ihre Schulter auf das Rodinfoto an der Flurwand hinter ihr. Während sein Schwanz in der Hose langsam hart wurde, versuchte er seine Gedanken in den Griff zu bekommen. Es war nicht leicht. Jedenfalls fiel ihm das Sprechen unheimlich schwer. Stammelte er etwas oder waren das nur wirre Vorstellungen von Wörtern?

„Hast Du mich einfach sitzen lassen? Ja, Du böser Junge?“ fragte sie nach einer Weile. „Weißt Du, so was macht mich erst recht – neugierig. Ich liebe Herausforderungen.“ Dabei klang sie wie die Karikatur einer Telefonsextante. Ihre kundige Hand fuhr seinen immer noch verpackten Ständer auf und ab. Morth drehte dabei fast durch.
Dennoch nutzte er eine knappe Sekunde der Klarheit, um sie von sich zu stoßen. „Was willst Du eigentlich?“ brachte er hervor. Sie sah ihn verdutzt aus großen Augen an: „Was denkst Du denn, was ich hier will?“ „Ein Glas Wein?“ bot ihr Morth an. Er wollte Zeit gewinnen, runter kommen.

Früher hätte er von einer solchen Situation geträumt. Bestimmt hatte er sich solche oder ähnliche Begegnungen in bunten Farben ausgemalt, sich daran aufgegeilt. Jetzt, da eine seiner möglichen Phantasien Wirklichkeit geworden war, erschien ihm die Angelegenheit eher als peinlich. Während er für Charlotte ein Glas aus der Küche holte und sie sich im Wohnzimmer breit machte, dachte er an Sue. Sie musste mittlerweile zurück in der Stadt sein. Vielleicht befand sie sich gerade auf dem Weg in ihre kleine Wohnung. Zwei, drei Mal nur war er dort gewesen. Morth störte sich an dem Studentischen, das Sues Einrichtung ausstrahlte. Meist trafen sie sich bei ihm. Das war ihm lieber so.

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