Der kleine Morth (liii)

Er zwang sich dazu, nach Hause zu gehen und sich dort wieder seinem Schriftverkehr zu widmen. Er schrieb ein paar Zeilen an Fuller, deutete den geplanten Besuch mit Sue an und bedankte sich für die Bemühungen, ihn in New York bekannt zu machen.


Wieder waren neue Anfragen aufgelaufen. Es war ein großer Fehler, dass seine Adresse als Kontakt in dem Artikel erschienen war. Stiefer als Profi hätte ihn auf so etwas aufmerksam machen müssen, fand Morth. Nicht so sehr, dass er vom Lesen und Beantworten der Mails genervt war. Das schmeichelte ihm eher. Nein, was ihn wirklich störte, waren diese ‚blinden Bestellungen’. Er konnte diese Menschen nicht verstehen. Sie waren ihm unheimlich in ihrer Gier nach dem, was andere ihnen hin hielten. Außerdem verlangte er die Aufmerksamkeit und die Anerkennung, die er sich gewünscht hatte, nach eingehender der Beschäftigung mit ihm und seinem Bildern. Er hatte sich ausführliche Artikel zu bestimmten Gemälden oder zu Ausschnitten von Motiven vorgestellt. Den Ruhm, der ihn nur aufgrund eines läppischen journalistischen Alptraums erlebte, lehnte er ab.

Geistesabwesend tippte er ein paar Mails. Leer fühlte er sich. Da war er nun der gewünschte Erfolg und das Eisen seines Lebens hatte sich nicht in Gold verwandelt.

Er hätte Sue gern abgeholt und wäre mit ihr Essen oder gleich ins Bett gegangen. Aber sie wollte ja nicht. Die Auszählung der Kriechtiere und Pilzsporen war ihr wichtiger. Diese Bevorzugung des Studiums von Flora und Fauna schmerzte Morth. Er sah sich in einer Warteschlange stehen, vor ihm der Ableger eines Farns, hinter ihm das Ende der Schlange.

Im Kühlschrank stand noch eine Flasche Spätlese. Morth öffnete sie und trank in kleinen Schlücken. Bedrückende Gedanken zum Leben im Allgemeinen ereilten ihn. Was war der Mensch nur für ein seltsames Wesen? Voller Hybris bei gleichzeitiger himmelschreiender Dummheit. Er selbst – das beste Beispiel. Es war zum Verzweifeln, mit welcher Energie er nutzlosen Dingen und flüchtigen Zuständen hinterher eilte. Im Anfang mochte das noch sinnvoll gewesen sein. Die Menschen musste essen, trinken, lieben – fertig. Heute aber war das System zur Groteske geworden. Mit dem bloßen Zubereiten und Kauen von Speisen zum Beispiel war es seit Jahrtausenden nicht mehr getan. Da war zunächst die Entscheidung zu fällen, ob es überhaupt gut war zu essen. Wenn ja, was, wann, mit wem und wie viel und wie viel von dem, das man essen wollte aber nicht sollte. Sollte man das Rind in Rotwein kochen oder lieber im Ofen braten? War das Rind glücklich als es noch lebte? Was dachte der Schlachter als er den Bolzen löste? Allein diese Verflechtungen ergaben unzählige Einwände, Bedenken, neue Fragen. Und das allein beim Thema Essen. Wie viel verzwickter war die Angelegenheit im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen und der Fortpflanzung? Für das menschliche Gehirn, das nebenbei noch den Alltag zu bewältigen hatte, sich also mit Staat, Job und Familie herum schlagen musste, war das alles zu viel. Statt also nach Glück zu sterben, waren Leute wie Morth damit befasst, in den Orkanen des Unmöglichen wenigstens eine möglichst gute Figur zu machen. Das bezeichnete man dann als Würde und erhob sie zum Ideal.

Morth stand auf und holte sich Cracker. Der Wein war ihm ohne geschmackliche Unterstützung einfach zu süß. Als er sich gerade wieder gesetzt hatte, bekam er auch noch Lust auf Käse. Er wägte ab, ob er lieber satt oder faul sein wollte.

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