Der kleine Morth (lii)

Nach circa 30 Minuten hatte sich sein Körper wieder gefangen. Und nach einer weiteren halben Stunde betrat er das Prinkler. Gabriele Gabler war noch nicht anwesend. Er ließ sich einen Platz in einer der dunkleren Ecken geben und setze sich. Es roch nach Kaffee und Gebäck. Die Vitrine, in der die Köstlichkeiten ausgestellt wurden, leuchtete gelb. Zwei emsige Bedienungen in altmodischen Kleidern versorgten dezent die Gäste. Niemand hier sprach laut. Das leise Klirren der Gabeln und des Geschirrs sorgten für einen entspannenden Soundtrack. Hier konnte die Raubtierseele des Menschen zur Ruhe kommen. Es gab von allem genug für alle.
Morth fing an, in einer Frauenzeitschrift zu blättern. Besonders der Artikel ‚In drei Wochen zum Wunschbusen’ erregte sein Interesse. Plötzlich stand Gabriele Gabler vor ihm. Morth erschrak zunächst und wurde sich auch gleich der lächerlichen Situation bewusst, in der er sich befand. Schnell stand er auf, ließ die Zeitschrift neben sich auf den Biedermeierstuhl fallen. Nicht nur die Tatsache bei der Lektüre unpassender Literatur ertappt worden zu sein, verunsicherte ihn, die Gegenwart der Galeristin allein hätte dafür genügt. Sie schien etwas in ihm zu berühren. Wie bei ihrer ersten Begegnung wurde Morth von einem Gefühl erfasst, das aus Wohlbehagen und Respekt bestand. War sie die Mutter, nach der er sich all die Jahre gesehnt hatte? Ihre bürgerlichen Formen und ihr weicher, voller Busen luden förmlich zu solchen Überlegungen ein.
Sie reichte ihm die Hand. „Na, Herr Morth, sind Sie mit Ihrer Geschlechterrolle unzufrieden?“ Sie schmunzelte und Morth lief rot an. „Durchaus nicht. Aber es ist doch interessant zu erfahren, was die Damen so umtreibt,“ erwiderte er.

Sie setzten sich. Eine Bedienung kam herangeschwebt. Die Gabler bestellte sich „irgendetwas mit unanständig viel Sahne“ und Kaffee mit Cognac. Morth ließ es bei Kirschkuchen und einem Espresso bewenden. Noch steckte ihm der beinahe Zusammenbruch in den Knochen. Vorerst war er völlig damit zufrieden, sich einfach nur nicht schlecht zu fühlen.

Die Gabler trug ein beiges Kostüm, das auffällig gut geschnitten war und ihre weibliche Figur auf das Vorteilhafteste umschmeichelte. Dazu hatte sie sich ein türkises Tuch in die blond-weißen Haare gebunden. Während sie über die weitere Zusammenarbeit sprachen, legte sie ihre Hand auf die Morths. Der ließ sich das gefallen.
Sie vereinbarten, dass Morth die Gabler als Agentin engagierte. Sie sollte sich um alle geschäftlichen Angelegenheiten kümmern. Dafür erhielt sie je nach Aufwand einen Prozentsatz vom Verkauf. Morth war das alles recht. Hauptsache für ihn war die Aufmerksamkeit und nicht das Geld. Allein, dass sich diese weltgewandte Frau für seine Bilder und ihn interessierte, tat ihm gut.

Sie sagte Sache wie „Wir müssen uns noch ganz intensiv über Ihr Werk austauschen“ oder „Je mehr fremde Menschen sich für Sie interessieren, desto wichtiger ist eine Person, der sie sich völlig öffnen können“.
Dann wurde sie aber auch schnell sehr geschäftlich und legte Morth eine Liste voller Termine und ToDos hin. Allein in der kommenden Woche sollte er fünf verschiedene Sammler treffen. Außerdem wollte die Ausstellung vorbereitet werden und die PR forderte Tribut.

Zum Abschied bedauerte Morth, dass ihr Treffen schon zu Ende war. Er musste wieder hinaus treten in die Welt. Die Gabler fuhr in ihrem Cabrio davon.

Morth stand auf dem Bürgersteig und wusste nicht, wohin er sich wenden sollte. Nichts lag an, zumindest nichts, worauf er Lust hatte.

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