Der kleine Morth (li)

Einmal wachte er auf. Bilder fanden ihren Weg durch schwere Augenlider. Seine Hand suchte schon die Fernbedienung. Die Bilder zeigten ihm Explosionen, Hubschrauber und rennende Menschen. Es sah so aus als zögen diese Leute Rauchschwaden hinter sich her. Dann ein kurzes Fieben des Apparats und der Fernseher war aus. Schwärze stürzte ins Zimmer und fiel über Morth zusammen. Es wurde still.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Auf der Straße vor Morths Haus war es deutlich stiller als sonst um diese Zeit. Wahrscheinlich waren schon alle beim Sonntagsshoppen in der Innenstadt. Für jeden Geldbeutel gab es etwas, um es in das große Loch im Inneren zu werfen. Wenn man sich keinen Sportwagen leisten konnte, gab es zumindest das Modell davon. War auch das zu teuer, konnte man sich immer noch ein Poster oder einen Aufkleber kaufen.
Später kamen sie mit Ihren bunten Plastiktüten zurück und fühlten sich genauso leer wie zuvor. Ein Tag konnte sehr lang sein. Sie schalteten das Nachmittagsprogramm ein, Kaffee, Kuchen. Das Spiel begann von Neuem.

Morth war kurz entschlossen ins Atelier gefahren, um endlich seine Wüstenreihe fortzusetzen. Immerhin bekam er einen Hintergrund hin. Dann klingelte wieder das Handy. Er hatte wie immer vergessen, es auszuschalten.
Sue gab ihm bekannt, dass sie erst nachts aus Bayern zurück sei und dann gleich in ihre Wohnung wolle. „Ich muss ganz früh die Proben ins Labor bringen. Sorry,“ sagte sie und klang dabei seltsam nervös, ja fast etwas verschreckt. Morth kannte diese Art an ihr nicht. „O.k. Schade,“ meinte er. Das wars. Dafür hatte er sein Date mit Charlotte platzen lassen. Sue war auf einmal sehr weit weg. Emotional gesehen. Es war wie immer.

Er dachte an Gabriele Gabler. Vielleicht sollte er sie anrufen, um zu hören, wie es lief. Schließlich hatte er ja einige Interessenten an sie weiter geleitet. Er beschloss, sie ins Cafe einzuladen. Irgendwie inspirierte die goldene Aura dieser Dame ihn dazu. Er stellte es sich schön vor, zusammen vor einem Glas perlenden Etwas zu sitzen, dezente Musik im Hintergrund, ein dickes Stück Torte. Er wollte in etwas völlig Hängengebliebenes eintauchen. In etwas flüchten, das auch seinen Großeltern gefallen hätte. Mag da draußen auch die Welt verrecken, wir sitzen hier im Plüsch und lassen es uns gut gehen. Die Mentalität der frühen Bundesrepublik.

Er sprach ihr auf den Anrufbeantworter. Dabei versuchte er, seiner Stimme einen besonders warmen Klang zu geben. Es fiel ihm leicht. In dieser Atmosphäre aus Reichtum und bürgerlichen Tugenden war er groß geworden. Er wusste, worauf diese Leute standen. Nur zu gut wusste er es.
Fünf Minuten später, Morth malte gerade die verdorrten Fleischreste an einem Knochen, rief die Galeristin zurück: „Wie entzückend! Morth! Also, das ist mir ja schon ewig nicht mehr unter gekommen. Ein Künstler, der mich einladen mag. Toll! Und ich habe ganz, ganz wunderbare Nachrichten für Sie. Ich sage nur: Bringen Sie ein paar der Bilder mit von dem Stapel, den ich letzthin ausgewählt habe. Ja? Das wäre ganz entzückend!“
Sie vereinbarten, sich in einer Stunde im Cafe Prinkler gegenüber dem Bahnhof zu treffen. Morth ging sich die Hände waschen und packte dann die ersten drei Leinwände von Gablers Auswahl ein.
Er merkte, wie sich wieder, zum ersten Mal seit Tagen krankhafte Unruhe in ihm ausbreitete. Das heißt, er merkte eigentlich nur, dass sie sich gleich ausbreiten wollte. Er kannte die Zeichen. Und er war vorbereitet. Das machte die Sache einfacher.

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