Der kleine Morth (50.)

Unterwegs dachte er an Sue. In ein paar Stunden kam sie von ihrer Studienreise zurück. Studienreise, das klang nach Palermo, Südamerika oder wenigstens Irland. Sie aber war in den Bayrischen Wald gefahren, um Flora und Fauna dort zu quantifizieren. Am Telefon hatte sie gesagt, wie schön es dort wäre und wie nett ihre Mitforschenden. Morth dachte kurz darüber nach, ob sie wohl auch eine Affäre am Laufen hatte. Er versuchte, sich ein passendes Männergesicht vorzustellen. Oder eine Frau? „Hättste wohl gern,“ scherzte er mit sich selbst. Ein Typ also. Wahrscheinlich das ganze Gegenteil von ihm: groß, systematisch, gutmütig.

Um seine Schmerzgrenze auszutesten, malte er sich Sue mit dem Anderen im Bett aus. Das ging noch. Nahaufnahme: Ihre Hand wichste einen anonymen Schwanz. Der Kerl bäumte sich lustvoll auf. Es zwickte schon etwas. Dann drang der Kerl in Sues stramme Muschi ein. Sie stöhnte. Morth hieb mit der Faust auf den ledernen Autositz. Der Fahrer fuhr herum: „Alles klar, Meister?“

Zur Tanke ließ er sich noch bringen. Dort kaufte er unsinnig viel Alkohol und eine ganze Ladung von fancy Süßigkeiten in bunten Verpackungen. Eine halbe Stunde suchte er alle Regale ab und ließ erst locker als der Tankwart ihn fragte, ob er helfen könne. „Ja, noch zwei Schachteln Blaue,“ antwortete Morth auf das Serviceangebot und lachte etwas irr.
Er fühlte sich wie ein Kind, dem man das Spielzeug weggenommen hatte. Eigentlich fühlte er sich wie ein Kind, das sich selbst das Spielzeug weggenommen hatte. Die Spielzeuge waren Charlottes Arsch und ihre Titten, die geilen Betttricks, die sie drauf hatte. Ganz schön irre das Ganze. Warum war der Mensch nur so? Wieso nicht einfach dem Trieb folgen, bumsen gehen und gut? Morth überlegte, welcher Trieb es sein könnte, der ihn nun so plötzlich vom Besuch bei Charlotte abhielt. Sein Vater hätte kaum gezögert.

Irgendwann in der Nach saß er bei sich. Der Fernseher lief. Um ihn herum verteilt lagen aufgerissene Tütchen, Plisterverpackungen und verstreute gummiartige Naschsachen. Er hatte sich das meiste mit einer ordentlichen Menge Bier herunter gespült. Ihm war flau. Sein Blick war trüb. Die Geschehnisse auf dem TV-Bildschirm verschwammen zu einer psychedelischen Masse optischer Eindrücke. Morth dachte an Videoinstallationen, verwarf seine Einfälle aber gleich wieder. Da hätte er genauso gut Tanzperformances inszenieren können oder Actionpaintingevents. Für ihn ging nichts über ein ehrliches Bild, handgemalt. Das konnte man sich an die Wand hängen. Da hatte man etwas davon. Er schlief ihm Wohnzimmersessel ein. Die Glotze lief noch die ganze Nacht. Es war niemand da, der sie hätte ausschalten können. Sue nicht, Charlotte nicht und sein Vater auch nicht.

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