Der kleine Morth (il)

Sein Vater schrieb, wie stolz er auf ihn wäre. Besonders Suzanne, so der Name der Neuen, sei ganz aus dem Häuschen. „Noch eine Sue,“ dachte Morth und es gefiel ihm nicht, den Vornamen seiner Partnerin mit seinem Vater teilen zu müssen. Aus seiner Sicht konnte einem Gute nur leid tun. Außer, wenn sie auf Erniedrigung und emotionale Kälte stand. In diesem Fall war sie bei Christian Morth genau an der richtigen Stelle.

Am Ende der Nachricht bat ihn sein Vater um ein Bild: „Such Du eins aus und schicke es mir nach Südafrika. Die Adresse von Suzanne hast Du ja jetzt. Dafür überweise ich Dir Dein Geld in Zukunft direkt. Ich hoffe Du verzeihst mir, dass ich Dich allzu lange mit Deinem Bruder zusammen gespannt habe. Natürlich weiß ich, dass Ihr nicht zusammen passt. Er wird nie etwas erreichen. Aber Du. Danke und liebe Grüße vom anderen Ende der Welt. Dein Vater.“

Noch vor fünf, sechs Jahren hätten den kleinen Morth solche Zeilen aus der Hand seines Vaters völlig umgehauen. Bestimmt wäre sein seelisches Gleichgewicht oder das, was er dafür hielt, für Tage ins Wanken gekommen. Er wäre mit dem Gefühl durch die Gegend gelaufen, gleich zu platzen. Damals hätte er noch die Macht gehabt, ihn zu berühren, ihm schmerzlich klar zu machen, wie verkrustet sein Innenleben war.
In diesem Moment aber, in dem Morth allein vor dem leise brummenden Bildschirm saß, war seine Rüstung schon zu hart und undurchdringlich geworden. Er wollte und musste den Schmerz einer so plötzlich auf ihn zukommenden Berührung nicht ertragen. Mit seinem Schild aus Zynismus und psychologischen Phrasen wehrte er die unverhoffte Zuneigung seines Vaters ab.
Ja, wie er da saß, schüttelte er sich regelrecht, sprang auf, kochte sich Kaffee, kehrte zum Monitor zurück und schloss mit einem Tastendruck die Mail aus Afrika unbeantwortet. Seine Rolle als verstoßener Sohn war ausgespielt.

In der Zwischenzeit waren neue Nachrichten aufgelaufen. Es schien kein Ende zu nehmen. Irgendwo auf der Welt saß immer einer, der mehr über das neue deutsche Malwunder wissen wollte. Irgendeine hatte zuviel Geld und wusste nicht so recht wohin damit. Deutlich lustloser als noch zu Beginn seiner Schreibstunde beantwortete Morth die Mails. Er wollte den Rechner schon herunter fahren, als wieder eine neue Botschaft in sein elektronisches Postfach flatterte. Charlotte!
Sie war gerade von dem Vortrag zurück und hatte noch Lust auf einen Drink „irgendwo“. Morth hatte sofort einen Plan. Schauplätze: Taxi, Getränkeshop an der Tanke, Taxi, Charlottes Wohnung. Er verfluchte sich, dass er es sich vorhin noch selbst unter der Dusche gemacht hatte. Aber hätte er das wissen können? Und geil genug war er immer noch. Charlotte verfügte über die Fähigkeit, in ihm ein Feuer zu entzünden, von dem er meinte, es vor Jahren zum Erlöschen gebracht zu haben. Hippelig tippte er: „Warte auf mich. Bin in zehn Minute bei Dir.“ Sofort sprang er aus dem Haus. Geduscht hatte er ja schon.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s