Der kleine Morth (xxxxviii)

Morth lief nach Hause. Die Luft tat ihm gut. Sie schmeckte nach dem Staub der Großstadt und erinnerte ihn daran, dass er sich wie ein Fisch im Wasser bewegen konnte. Unzählige Richtungen konnte sein Leben plötzlich einschlagen, je nachdem wohin er seine Füße lenkte. Um ihn herum standen, gingen, lagen Möglichkeiten, Potentiale, Gefahren und Verlockungen. Wobei ihm bei Letzteren durchaus bewusst war, dass diese ihren Ursprung vor allem in ihm selbst hatten.

In diesem Moment fühlte er sich überhaupt nicht so, als könnte ihn irgendetwas verlocken. Er kannte diesen Zustand des Nichtwollens. Nur diesmal hatte seine Gefühlslage nichts Depressives an sich. Seine Beine bewegten sich mechanisch unter ihm. Sie steuerten ihn wie durch einen Parcours. „Cool,“ dachte Morth.

Sein eMail-Postfach lief fast über. Wieder hatte er einige Tage vergessen nachzusehen. Er konnte und konnte sich nicht daran gewöhnen Routinen zu befolgen, auch wenn dies gerade sehr angebracht gewesen wäre. Ob Stiefer ihm wohl eine Sekretärin besorgen könnte? Dann dachte er aber daran, dass der ihm wahrscheinlich Charlotte ins Haus schicken würde. Das Chaos wäre perfekt. Er brauchte Hilfe und keine zusätzliche Belastung.
Er stellte sich vor, wie er ihr den Hosenanzug vom Leib reisen würde, wie ihm ihre fröhlichen Brüste entgegen kamen und er seine Hand schließlich unter die Spitze des gelocktes Dreiecks schob. Sue kam dazu. Sie machten es zu Dritt. Er ging schnell unter die Dusche und wichste.

Die vielen Nachrichten zwangen ihn, sich zu konzentrieren. Das meiste waren Anfragen zu Interviews, Ausstellungsterminen oder einem Katalog „oder ähnlichem“. Morth bemühte sich allen freundlich und geduldig, ja fast betont persönlich, zu antworten. Er wisse noch nicht, wie und was, bald aber käme dies und das. Man möge sich nur an Frau Gabler, seine Agentin, wenden. Inständig hoffte er, dass die Gabler nichts dagegen haben würde, wenn er sie so unabgesprochen einspannte, wenn er all seine Last auf ihre Schultern packte.

Zwei Mails fielen Morth besonders auf. Zum einen war da die Anfrage eines finnischen Holzunternehmers, der in Tampere, seiner Heimatstadt, aus einer Stiftung heraus ein Museum gründen wollte. Es ginge ihm darum, die Arbeitswelt als etwas zu schildern, das moderner Kriegsführung sehr nahe kommt. Nach bald vierzig Jahren im Geschäft wisse er, wovon er rede. Und Morths Wundenbilder würde ihm sehr gut ins Konzept passen. „Respekt!“ dachte Morth. „Es gibt doch noch denkende und fühlende Menschen auf dieser Welt.“
Das schreib er dem Finnen auch und lud ihn ein, sich die „passendsten Wunden“ gern bei einem persönlichen Besuch auszusuchen. Man könne sich jederzeit treffen.

Die andere Mail, die Morths Aufmerksamkeit erregte, kam von seinem Vater. Er wusste gar nicht, dass der überhaupt seine Adresse hatte. Noch mehr überraschte ihn allerdings, dass sein Alter den ‚Art Investor’ las. Waren die Goldminen ausgebeutet und er musste sich nach etwas Neuem umsehen?
Die Nachricht unterrichtete ihn davon, dass Christian Morth zur Zeit in Kapstadt weilte, sich von seiner Frau getrennt hatte – „Sie hat mir nicht den kleinsten Spaß gegönnt.“ – und jetzt mit einer Fotografin leiert war. Daher wehte also der Wind.

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