Der kleine Morth (xxxxvii)

„Beeindruckend,“ fand die Galeristin. „Denken Sie, wir können zusammen eine Ausstellung machen? Ich denke da an eine Art Tour durch Galerien in den wichtigsten Städten. Natürlich muss ich das erst mit ein paar Leutchen besprechen, aber das bekommen wir schon hin.“

“Warum nicht?“ antwortete Morth. „Kann nicht schaden. Sagen Sie mir einfach Bescheid, wenn es los gehen soll. Jetzt müsste ich aber arbeiten. Ich hoffe, Sie verstehen …“
“Bin schon weg. Danke für den Einblick in Ihr Werk. Ich habe schon lang nicht mehr so ausdrucksstarke Bilder gesehen. Viel Erfolg weiterhin!“ Sie nahm ihr Täschchen und verabschiedete sich. „Ich melde mich.“

Morth malte einen schwarzen Haken auf den pinken Untergrund. Noch immer wusste er nicht, was er da eigentlich vor hatte. Der Kontrast gefiel ihm aber. Konnte er jetzt abstrakt werden? Was würden die Stiefers und Gablers dazu sagen?

Sue rief an. Sie klang unheimlich motiviert und erholt. „Super. Echt. Tolle Landschaft und gute Leute. Gestern habe ich eine Schweinshaxe gegessen. Lecker!“ Ihre Stimme kam wie aus dem Off, aus einem Off, das wirklich sehr off war. Sie war universenweit weg.
„Klar vermisse ich Dich,“ log Morth. „Sag mal, wollen wir nächsten Monat Fuller in New York besuchen?“ Er wusste nicht so recht, warum er das gesagt hatte, aber jetzt war es raus. Irgendwie war ihm dieser Vorschlag gekommen. Wahrscheinlich, um sein schlechtes Gewissen mit etwas Größerem zu übertünchen, um Sue eine Freude zu machen. Und es gelang. Sue war ganz aus dem Häuschen. „Ja, ja, ja,“ sagte sie. „Kaufst Du mir vorher was Hübsches zum Anziehen?“

Grüne Punkte ergänzten den schwarzen Haken. Das Bild war fertig. Morth ließ es trocknen und verpackte es anschließend in Packpapier. Mit der Leinwand unter dem Arm verließ er das Atelier. Er wollte das gute Stück Till zeigen, damit er seine Meinung hörte.

Till schaute kurz hin und gab sich wenig begeistert: „Die alten Sachen haben wir besser gefallen. Das hier ist einfach zu wenig Morth. Verstehste?“
“Du meinst, es erfüllt Deine Erwartungshaltung nicht?“ fragte Morth nach. „Genau,“ sagte Till. Morth war enttäuscht. Gerade Till sollte doch auf Umbrüche stehen. Dann aber erinnerte er sich daran, dass der Alt-Punk schon seit gut zwanzig Jahren die gleichen Tierleichenskulpturen fertigte, ohne auch nur einmal versucht zu haben, etwas anderes zu machen.
Er packte das Bild wieder ein und schlich wie ein schlecht benoteter Schüler davon. Draußen im Hinterhof warf er sein Gemälde auf eine der Mülltonnen. „Solls der Teufel holen,“ dachte er.

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