Der kleine Morth (xxxix)

„Unterdrückt“ stand auf seinem Handydisplay als Stiefer anrief. „Ja?“
“Super, dass Ihnen der Text gefallen hat. Um ehrlich zu sein, wir hätten gar nicht die Zeit gehabt, groß etwas daran zu ändern. Dann geht das Ganze jetzt seinen sozialistischen Gang. Wenn Sie noch etwas zu Ihrer Verteidigung sagen möchten, …“ Stiefer versuchte schon wieder lustig zu sein.
“Nein, alles gut. Ich brauche nur etwas Ruhe.“ Sue wälzte sich neben Morth warm und wohlig unter dem schwarzen Satinlacken. Sie war zweimal gekommen und genoss jetzt die Entspannung. „Wow,“ hatte sie nach dem Sex gesagt.

„O.k.,“ Stiefer ließ nicht locker, „ich geb das dann so in den Druck. In ein paar Tagen können Sie Ihr Gesicht an jedem Kiosk sehen. Naja, an fast jedem. Also zumindest in Bahnhöfen.“
Morth wollte schon auflegen, als es in seinem Hirn klickte. „Wie bitte?“ Er fuhr hoch. Sue zuckte zusammen.

„Na endlich!“ rief Stiefer, „ja, Sie kommen aufs Titelbild. Uns haben Ihre Fotos so gut gefallen. Dieser Undergroundtouch ist großartig. Wir werden Ihren Fotografen bestimmt für weitere Jobs buchen. Wie heißt er doch gleich?“ „Kalle. Kalle Fritsch,“ antwortete Morth unkonzentriert. „Scheiß Name für nen Fotografen,“ ätzte Stiefer. „Müssen wir das jetzt diskutieren? Ich hab hier eine Wahnsinnslady im Bett liegen und möchte gerade nicht…“ „Sagen Sie das doch gleich! Ich dachte nur, die Sachen mit der Coverstory würde Sie interessieren.“ „Tut es ja auch,“ antwortete Morth versöhnlich, aber der Pressemann hatte ihn schon weg gedrückt.

Später saß Morth wieder vor dem Bildschirm. Er schrieb der Redaktion vom „Cored existence“. Sie hätten einen ausgezeichneten Geschmack und die Finger am Puls der Zeit, er müsse aber auf ein Telefoninterview verzichten, weil er so etwas grundsätzlich nicht machen könne. Kurz überlegte er. Dann fügte er noch hinzu: „Ich habe zu großen Respekt vor Entfernungen. Bitte verstehen Sie mich.“

Eigentlich wollte er anschließend noch ein paar Zeilen des Dankes und der Verbundenheit an Fuller richten, konnte sich aber nicht überwinden. Irgendetwas blockierte ihn. „Wir wollen das Gute und tun das Böse.“

Sue musste die nächsten Tagen im Rahmen einer Projektarbeit in den Bayrischen Wald. Ihre Studiengruppe zählte da irgendwelche Tiere oder Pflanzen. Morth hatte nicht so genau hin gehört. Jedenfalls hatte er dann Zeit, wieder mehr zu malen. Er wollte seine Idee mit den Knochen im Wüstensand umsetzen. „Ist das eine logische Fortführung oder das schlichte Gegenteil zu den Wundenbildern?“ fragte er sich.

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