Der kleine Morth (xxxvii)

„Keine Wunden mehr, nie wieder,“ Morth schrie fast. Sue sah ihn dabei verständnislos an. „Was ist denn in Dich gefahren?“ fragte sie. „Außerdem: Du bist ja völlig betrunken! Hattest Du Besuch?“ „Wo soll ich anfangen,“ lallte Morth. „Dein junger Mann ist der beste Wundmaler seit Stalingrad. Oder war es Leningrad? Und der Besuch kommt erst noch. Nächste Woche und will ein Gläschen trinken.“

„Wovon redest Du denn da?“ Sue verstand kein Wort. „Trink mal ein Glas Wasser.“ Sie ging in die Küche und holte ihm eines. „Prost!“ schrie Morth. „Auf die Kameraden!“ Die Hälfte ging daneben.

„Haben Sie getrunken, Morth?“ wollte Stiefer am Telefon wissen. „In der letzten halben Stunde nicht,“ antwortete Morth wahrheitsgemäß. „Meine Liebste hat mich wieder auf den Pfad der Nüchternheit zurück gebracht.“ „Scheint ja ein langer Weg zurück zu sein,“ witzelte Stiefer etwas missglückt. „Aber egal! Mein Vater hat mir erzählt, dass er etwas bei Ihnen kaufen will.“ „Ja, er möchte gern Wunden von mir haben. Sie gefallen ihm so besonders gut,“ meinte Morth dämlich grinsend. „Das freut mich sehr. Mein Vater hatte schon immer einen ausgesuchten Geschmack.“ Morth hätte beinahe laut losgelacht, beherrschte sich dann aber gerade noch.

Stiefer wollte mit ihm den fertigen Artikel für den ‚Art Investor’ besprechen. Morth hatte ihn noch nicht gelesen. Stiefer war sauer. „Wie soll ich denn Kunst machen, wenn ich den ganzen Tag meine Mails checken soll? Hä?“ fragte Morth erbost. „Wir können doch genauso gut morgen darüber sprechen.“ „Können wir eben nicht. Morgen ist das Heft im Druck, Morth. Sie müssen sich jetzt etwas zusammen reißen. Was glauben Sie denn, wie es in ein paar Tagen abgeht? Dann werden Sie sicher erst mal keine Zeit mehr haben, sich am Nachmittag zu betrinken. Es gibt eine Zeit fürs Feiern und es gibt eine Zeit fürs Strammstehen, wissen Sie.“ „Ja, ja, ich weiß. Aber meine Arbeit ist das Saufen. Ohne Saufen, keine Bilder. Klar?“ sagte Morth trotzig. Er fühlte sich wie ein Schuljunge, der sich im Unrecht befand und trotzdem das letzte Wort haben musste. „Ich rufe Sie in zwei Stunden noch mal an. Bis dahin sollten Sie den Textentwurf gelesen haben.“ Stiefer legte auf.

„Na?“ fragte Sue. “Ich brauch erst mal einen,” sagte Morth. Er nahm die Flasche mit vor den Rechner. Noch bevor sein Postfach offen war, hatte er sich zwei genehmigt. Die Flasche war bald leer.

Da waren noch die beiden Anfragen aus den USA. Die hatte Morth inzwischen ganz vergessen. „Scheiße!“ dachte er. Die neuen Mails erschienen mit einem Pling. Der Text von Stiefer und eine Interviewanfrage aus New York. Fuller!

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