Der kleine Morth (xxxvi)

„Ich habe die Lichtbilder Ihrer ausgezeichneten Gemälde auf dem Küchentisch meines Sohnes liegen sehen und es hat mich wie ein Schlag getroffen. Nicht nur, dass mich Ihr Sujet an die Belagerung von Leningrad erinnert hat. Viele meiner Kameraden hatten solche Wunden wie diese, wissen Sie. Ich hatte auch einen Freund, Kunstmaler wie Sie, der malte damals noch vor dem Krieg, als wir in Dresden lebten solche Bilder. So etwas gibt es heute gar nicht mehr. Wissen Sie? Ich denke ja, die Amerikaner pantschen unsere Farben, damit die deutsche Kunst keine faire Chance mehr bekommt auf dem Weltmarkt.“

Morth wischte sich mit der Hand übers Gesicht.

„Das waren Bilder, sage ich Ihnen. Da kann dieses ganze moderne Geschmiere nicht mit halten. – Was wollen diese sogenannten Künstler eigentlich? Das ist doch keine Kunst. Das ist doch abartiger Dreck.“

„Was wollen Sie denn eigentlich?“ dachte Morth zunehmend ungeduldig. Wenn das am Telefon nicht Stiefers Vater gewesen wäre, er hätte längst aufgelegt.

„Na, jedenfalls, ist mir das Betrachten von gemalten Wunden nicht ganz neu, wie Sie sich vielleicht denken können. Und ich war positiv überrascht, dass Sie diese vornehme Tradition weiter tragen in Ihrem Werk. Wissen Sie, die Traditionen werden heute ja viel zu wenig …“

„Sie verstehen, dass ich ein viel beschäftigter Mann bin, Herr Stiefer,“ unterbrach ihn Morth.

„Natürlich sind Sie das. Kein Wunder bei dem Talent. So ein Auge. Was haben Sie für ein Auge! Wissen Sie, mir hat ein Schrappnell das halbe Gesäß weggerissen. Ich weiß, was eine Wunde ist, junger Mann. Sie treffen das ganz ausgezeichnet. So blutig, so wenig verharmlosend. Da ist nämlich nichts harmloses dran. Die Leute heute wissen gar nicht mehr, was eine ordentliche Wunde ist. Sie scheinen dafür noch ein besonderes Gespür zu haben. Oder sind Sie selbst verwundet?“

Bevor Morth antwortete, beschloss er bei sich, nie wieder auch nur eine Wunde zu malen. Ihm war schlecht. Da lag irgendwo in der russische Schwarzerde der halbe Arsch von Stiefers Altem und der Rest lief hier frei herum. Morth war bedient.

„Nein, bedauere, ich male keine eigenen Verletzungen,“ sagte er schließlich leise und musste wieder an Fuller denken.

„Erstaunlich, wirklich ganz erstaunlich, wissen Sie,“ fuhr der Greis weiter fort. „Ich möchte Ihr Talent fördern. Mein Sohn hat mir Ihre Preise genannt. Das kann ich aufbringen. Würden Sie mir eins Ihrer Werke anvertrauen?“

„Nur zu gern,“ sagte Morth. „Und Ihre Geschichte hat mich so gerührt, dass ich Ihnen zwei zum Preis von einem überlasse. Ist das ein Angebot?“

„Sie sind ein aufrechter Kerl,“ antwortete der alte Stiefer hörbar gerührt. „Mein Sohn wird mich nächste Woche zu Ihnen bringen. Dann können wir auch ein Gläschen auf unser Geschäft trinken. Was halten Sie davon?“

„Wissen Sie, ich trinke nicht,“ log Morth und legte auf. Er hatte das Gefühl, sich den Mund spülen zu müssen und tat das auch mit einem doppelten Birnenschnaps. „So schnell wird man zur Naziikone,“ dachte er und schüttelte sich.

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