Der kleine Morth (xxxiv)

Sie gingen in die Mensa. Sue hatte nur Zeit für einen Kaffee, musste gleich wieder in ein Seminar. Madame hielt sich betont von ihrem Freund fern. Niemand, der es nicht schon wusste, sollte auf die Idee kommen, dass sie etwas mit diesem seltsamen Vogel zu tun hatte.

Morth bewegte sich ungern durch die grauen Linoleum-Flure der Universität. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, wie sich hier Geist entfalten sollte. Das hätte er in einem handelsüblichen Finanzamt noch eher vermutet. Dazu kam dieses unsägliche Studentenvolk. War er auch einmal so jung gewesen? Hatte er damals auch so ausdruckslos durch die Gegend geschaut? Die Vorstellung ließ ihn erschaudern.

Der Kaffee schmeckte zum Kotzen und Sue schien ihn einfach nur möglichst schnell los werden zu wollen. Keines seiner hingeworfenen Gesprächshäppchen griff sie richtig auf. Zu seiner Aufmachung sagte sie schon gar nichts. Er bekam schlecht Laune.

„Ich muss gleich noch zu Kalle. Die brauchen für den Artikel ein Portraitfoto von mir. Ich dachte mir, wir machen das bei Till mit ein paar Tierleichen im Hintergrund. Shocking, verstehste?“ sagte Morth, um seine Aufbruch vorzubereiten. „Dafür reicht eigentlich Deine neue Frisur,“ meinte Sue kühl. „Und die Tierleichen trägst Du ja auch schon mit Dir herum. Spar Dir den Weg zu Till!“ Morth stand auf und ließ sie sitzen.

„Blöde Schnalle,“ murmelte er draußen auf dem Campus. „Bitte?“ fragte eine ungefähr zwölfjährige Studentin, die gerade an ihm vorbei ging.

Bevor er Kalle zum Shooting bei Till abholte, ließ sich Morth nach Hause fahren. Er ging sofort ins Bad und spülte sich das Gel aus den Haaren. Dann zog er sich einen grauen Anzug an. Er überlegte kurz, ließ aber die seidene Krawatte weg. Too much!

Zu Fuß ging er zu Kalle. Etwas Bewegung tat ihm gut. Die Passanten trieben wie Tang an ihm vorbei. Manchmal drehte er sich um und sah einer Frau hinterher. In seinem Herzen war und blieb er 16. Daran würde sich auch so schnell nichts ändern. Darauf war Verlass.

Kalle wartete schon. Morth war spät dran. Zuviel hübsche Mädels auf den Straßen. Der Fotograf hatte schon seine Taschen umhängen. „Hab noch einen Termin für ein Autoshooting nachher. Geiles Teil. Hammer Studio. Da muss ich pünktlich sein. Kohle ohne Ende,“ teilte er Morth etwas zusammenhangslos mit. Dann machten sie sich auf den Weg zu Till.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s