Der kleine Morth (xxxii)

Er nahm kurzentschlossen eine zerknüllte Zeitung, die er für das Reinigen seiner Pinsel nutzte, zerriss sie in Streifen und klebte diese willkürlich auf den roten Untergrund der Leinwand. Arbeitszeit: 10 Minuten.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen – bei der Ausstellung einer Integrationsklasse. Morth wusch sich zufrieden die Hände. Morgen würde er das Werk verpacken und nach Japan schicken. Vorher aber machte er noch ein Foto, um es Sue zu zeigen. Er war gespannt, wie sie darauf reagieren würde.

Morth fand sich jedenfalls unheimlich witzig und scharfsinnig. Wenn die schon keinen Wert auf die Auseinandersetzung mit Motiv und Künstler legten, sollten sie Scheiße fressen und dafür noch bezahlen. Er fand das fair. Solange sein Cote auf der Rückseite zu finden war und die Größe stimmte, hatte er sein Teil erfüllt.

Die Arbeit war also erledigt. Morth fragte sich, was er nun tun wolle und horchte in sich hinein, in die Hexenküche, in der die Wünsche, Vorstellungen und Sehnsüchte nach geheimen Rezepturen zusammen begraut werden. Schließlich meinte er, er hätte Lust, sein Äußeres den geänderten Umständen anzupassen. Ihm schwebte das klassische Künstler-Outfit vor: schwarzer Pulli, schwarze Hose, lange schwarze Haare. „Fuck off,“ dachte er, „dann sehe ich ja aus wie die ganzen Poser, die nichts auf die Reihe bringen. Ich bin jetzt etabliert. Da sollte ich nicht wie ein Loser rumrennen.“

Wenn es etwas im Leben von Morth gab, das ihm wirklich wichtig war, dann war es, dass er kein Loser war. Das war unumstößlich, das betonte er und damit hatte er anderen schon schwere Wunden geschlagen. Wenn jemand auch nur andeutete, dass er ihn für unbedeutend hielt, für unfertig oder fehlerhaft, wurde Morth unangenehm, schlagartig.

Er selbst war sich darüber gar nicht so im Klaren. Stets schob er das Problem auf die Anderen, die Umstände, die Themen. Wie Mose mit seinen Gesetzestafeln stand er über dem Volk, das gegen Regeln verstieß, die es noch gar nicht kannte. Der Zorn wurde dennoch entflammt – in Mose und in Morth.

Zuerst ging er zum Friseur. Timeo vom Don Carlos hatte ihm seinen Bruder Federico empfohlen. „Wenn Du einmal wirklich gut aussehen willst, wie ein Mann von Welt, eh, dann geh zu ihm,“ hatte der Kellner lächelnd zu ihm gesagt. Ein Wunder, dass sich Morth nach Jahren noch daran erinnern konnte! Aber hatte Timeo damals nicht angedeutet, dass Morth eben nicht wie ein Mann von Welt aussah? Wie ein Verlierer vielleicht? Der peinliche Deutsche in Birkenstocks auf dem prunkvollen Parkett der Weltbühne? Das hatte in ihm weiter gearbeitet. So etwas vergaß er nicht.

„Capelli“ hieß der Laden. Morth betrat ihn schwungvoll. Er war voller Tatendrang. Ohne Auftrag grüßte er Federico von seinem Bruder. Der Figaro sollte gleich wissen, wen er da vor sich hatte. Morth wollte von vornherein ausschließen, gleichgültig oder gar unfreundlichbehandelt zu werden. Obwohl sowohl das Interieur als auch die Preise, die Morth erwartete, das ausschlossen.

Kaum saß er, hatte er auch schon eine vergoldete Kaffeetasse in der Hand. Federico persönlich nahm sich seiner an, strich ihm prüfend aber sanft übers Haar und fing an, über unbedeutendes Zeug zu plaudern. Aufhänger war natürlich Timeo. Morth entspannte sich.

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