Der kleine Morth (xxxi)

Obwohl sie ausführlich gebumst hatten, konnte Morth nicht einschlafen. Sue atmete längst tief und warm neben ihm, aber er konnte seine Gedanken nicht beruhigen. Was malen? Wem würde was gefallen? Welche Motive passten gut zu dicken, goldenen Rahmen?
Einige dieser Fragen waren so absurd, dass sich eine Beschäftigung mit ihnen ausschloss. Und doch drängten sie wie Sturmflutwellen in Morths Bewusstsein. Er würde seinen Hochwasserschutz ausbauen müssen, wenn er in diesem Geschäft, in das er sich gerade stürzte, bei klarem Verstand bleiben wollte.

Er knetete seine Eier. Das half eigentlich immer, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Er sah das erstaunte Gesicht eines Arabers vor sich und ließ sein Gehänge wieder los. „Mal sehen, was ich an Mails habe,“ dachte er und stand leise auf.

Stiefer musste in der Zwischenzeit wieder aktiv gewesen sein. Es gab drei Anfragen. Eine kam aus Japan, zwei aus den Staaten. Vielleicht hatte auch Fuller da seine Finger mit drin gehabt. Morth las und konnte nicht so recht glauben, was er da gelesen hatte. Gab es wirklich Menschen, die auf den Tipp eines anderen Bilder kauften, die sie nie gesehen hatten? Ja, von dessen Maler sie noch nie ein einziges Bild gesehen hatten? Anscheinend gab es so etwas. Morth hatte es Schwarz auf Weiß.

Er schüttelte den Kopf. Das waren tatsächlich Bestellungen. Den Amerikanern schienen Wie und Was völlig egal zu sein. Nur der Japaner wollte ein Bild, das ungefähr 100 mal 200 groß war.

„Hab ich nicht,“ dachte Morth und wurde etwas nervös. „Aber lässt sich machen. Morgen.“

Jetzt konnte er einschlafen, träumte aber wirres Zeug. Einmal wachte er erschrocken auf. Sue lag neben ihm. Zum Glück!

Gleich nach dem Frühstück machte er sich auf den Weg ins Atelier. Unterwegs besorgte er noch eine für seine bisherigen Verhältnisse riesige Leinwand. Ein Taxi brachte ihn in sein Studio.

Diesmal verzichtete er darauf, sich vor dem Malen die Nase zu pudern. Er vergaß es schlichtweg, so sehr war er auf das 100 mal 200 Bild fixiert.
Er nahm seinen dicksten Pinsel und grundierte die Fläche rot. Rot, so wie es aus der Tube kam. Er hatte keine Zeit mit Mischerein zu verlieren. Dann wollte er wie gewohnt zu den kleineren Pinseln greifen. Eigentlich hatte er vor, eine klaffende Wunde für die Japaner zu malen. Doch dann kam ihm eine Idee.

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