Der kleine Morth (xxvi)

Zwei Stunden später saßen sie sich gegenüber. Stiefer hatte als Treffpunkt einen neu eröffneten Sushiladen in der Innenstadt gewählt. Das ‚Raw Fish’ war wie ein Kleinmädchentraum eingerichtet. Vorherrschende Farbe: Pink. Von den Decken baumelten grelle Mangafiguren. Als Soundtrack hatten die Betreiber japanischen Synthiepop gewählt.

„Das, wenn Andy Warhol noch erlebt hätte!“ begeisterte sich Stiefer im Anschluss an die Begrüßung. „Mir ist das zu banal, ein überdrehter Scherz. Aber jetzt sind wir nun mal hier. Machen wir das beste daraus,“ schlug Morth reserviert vor.

Fuller sah sich genötigt, die Gesprächsführung zu übernehmen: „Lieber Herr Stiefer, ich habe sie eingeladen, weil ich mit Herrn Morth einen außergewöhnlichen Künstler kennen gelernt habe. Seine Bilder reflektieren in unnachahmlicher Weise die Brutalität unserer Existenz. Leider hat er bisher nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die er verdienen würde. Vielleicht möchten Sie ja daran etwas ändern.“

„Brutalität klingt schon mal hervorragend,“ meinte der Herausgeber vom ‚Art Investor’. „Aber sagen Sie Morth, kennen wir uns nicht? Ich meine, Sie schon einmal gesehen zu haben.“ „Kann nicht sein. Ich lebe und arbeite sehr zurück gezogen.“ „Hm.“

Das Gespräch droht zu enden, noch bevor es richtig beginnen konnte. Zumal Morth keine Bilder oder wenigstens Fotos davon mitgebracht hatte. Worüber also sollte man sprechen?

Stiefer störte das Fehlen von Anschauungsmaterial wenig. Zumindest fragte er nicht danach. Vielmehr schien er an biografischen Details und vermarktbaren Stichworten interessiert zu sein. Das Wort von Fuller über die Qualität der angebotenen Kunst genügte ihm. Dass auch Fuller noch keines der Bilder gesehen hatte, wusste Stiefer ja nicht.

Sie unterhielten sich also über Morths Leben, seine Einstellungen und Vorlieben. Vater in Afrika, bei den Großeltern aufgewachsen, Hang zum Expressionismus, Leben eines Bohemiens, blutige Motivwahl. All dies schien Stiefer ausreichend zufrieden zustellen. Daraus konnte man etwas machen. Das ließ sich gut verkaufen.

Im Lauf des Gesprächs öffnete sich Morth allmälig. Fast fand er Gefallen daran, sich so zu Markte zu tragen. Die persönlichen Fragen Stiefers schmeichelten ihm und er wurde bei der Beantwortung immer lockerer. Ein, zwei Mal gelang ihm sogar ein Scherz, der den anderen zum Lachen brachte. Punkte für Morth.

Stiefer war deutlich jünger, als Morth sich ihn vorgestellt hatte; von grauen Haaren keine Spur. Alles andere, was sich Morth im Vorfeld ausgemalt hatte, traf dafür zu. Stiefer platze fast von sexuell aufgeladenem Selbstbewusstsein und auch die Rolex fehlte nicht. „Wers lang hat, der lässt es auch lang hängen,“ zitierte Morth im Geiste.

Als Fuller auf der Toilette war, beugte sich Stiefer zu Morth herüber und murmelte vertraulich: „Ich bin Ihnen übrigens dankbar, dass Sie meinen Gast so köstlich unterhalten haben. Er sprudelte fast über vor Begeisterung, als wir uns wieder trafen. Das ist sehr, sehr gut für das, was ich mit ihm plane. Das wird uns beide ein gutes Stück nach Vorne bringen.“ „Und was erwartet mich da vorn?“ fragte Morth süffisant. „Geld, schnelle Autos und geile Weiber,“ antwortete Stiefer wie aus der Pistole geschossen. „Hätte ich schon, wenn ich wollte,“ sagte Morth und war ein wenig beleidigt, weil Stiefer ihn so falsch einschätzte. Er war doch kein daher gelaufener Kunststudent mit Flausen im Kopf. Die Nummer zog bei ihm nicht. Er wollte nur Anerkennung. Das sagte er Stiefer aber nicht. „Na, wir werden schon etwas finden, auf das Sie scharf sind,“ meinte Stiefer noch, bevor Fuller zurück am Tisch war.

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