Der kleine Morth (xxiii)

Fuller war auf dem Weg ins Hotel. Morth lag auf dem Sofa und versuchte, wieder klar zu werden. Die Bilder der vergangenen Tage, pornografische Ansichten von Sue und Karla, seine Wundenmalerei, Tills Skulpturen geisterten durch sein Hirn. Er bekam einen Ständer und holte sich einen runter. „Die Geilheit des Kranken,“ dachte er. Das kühle Sperma klebte auf seinem Bauch. Morth schleppte sich unter die Dusche.

Als er sich abgetrocknet hatte, ging er zum Kühlschrank und fand einen Piccolo. Gierig trank er die prickelnde Weinbrause. Gleich fühlte er sich besser. Körperlich zumindest. Innerlich war er immer noch leer. Die Party mit Fuller hatte ihn zusätzlich ausgelaugt, die letzten Glückshormone verbrannt. Den plötzlichen Drang, randalieren zu müssen, schob er beiseite. Wenn es einigermaßen ging, würde er heute noch zum Malen fahren. Morth war sich sicher, dass ihm das etwas Erleichterung verschaffen würde. Zumindest würde eine Nacht in der entrückten Welt seines Ateliers einige Stunden zwischen ihn und die Ausschweifungen der letzten beiden Tage legen. Sie würden zu dem werden, was sie waren: unwirkliche Sensationen.

Sue rief an, als er gerade seine Sachen zusammen packte, das Döschen mit dem Koks, zwei Bier, ein medizinisches Buch über Wundbehandlung.

„Hey Süßer, what’s up? Soll ich noch vorbei schauen?“ fragte Sue und klang dabei vernehmlich besorgt. Sie ahnte, dass Fullers Abschied für Morths Stimmung wenig förderlich gewesen sein musste. Es ging ihr ja auch nicht anders.

In der Uni-Bibliothek hatte sie sich gleich an einen der Rechner gesetzt und nach geschaut, welche Flüge es nach New York gab und was sie kosteten.

In ihrer Vorstellung konkurrierten zwei Varianten miteinander. Version eins: Sie stieg allein aus dem Flugzeug. Fuller holte sie ab. Sie sprachen kaum, sondern fuhren sofort zu Fullers Wohnung in Manhattan. Dort rissen sie sich die Kleider vom Leib und bumsten anschließend tagelang.

Version zwei: Morth und sie kamen einen guten Freund besuchen. Der herbstliche Central Park bot den richtige Rahmen für ihr Lachen und die ungebremste Wiedersehensfreude. Sue sah sich zwischen den beiden Männern her gehen, peinlich darum bemüht Morth keinen Grund zur Eifersucht zu geben. „Würde Morth eifersüchtig sein? Und worauf?“ überlegte sie. Version eins erschien ihr mit weniger Problemen behaftet und damit deutlich reizvoller.

„Ich fahr jetzt gleich ins Atelier. Wahrscheinlich male ich die ganze Nacht. Schlaf Du Dich mal richtig aus und morgen sehen wir uns dann vielleicht,“ teilte Morth Sue mit und verabschiedete sich. Er musste jetzt los, sofort, sonst würde er implodieren.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s