Der kleine Morth (xxii)

Morth und Fuller kamen gemeinsam in die Küche. Sie lachten und machten tuntige Faxen. „Was für eine Nacht, mein Liebster!“ „Hach, so lässt es sich aushalten, Schätzlein.“ „Muss ich mir Sorgen machen?“ fragte Sue.

Sie fühlte große Zuneigung zu den beiden. Morth war seit Fullers Auftauchen so viel entspannter, als sie ihn solo je kennen gelernt hatte und Fuller zog sie schon rein körperlich sehr an. Fast wünschte sie sich, dass alles so weiter gehen würde. Und doch wusste sie, dass in ein paar Stunden das alles vorüber sein würde. „Ich muss noch mal in die Bibliothek,“ gab sie nach bekannt. Sie packte ihre Sachen und verließ etwas zu hastig die Wohnung. Draußen fiel ihr auf, dass sie sich von Fuller verabschiedet hatte, als würden sie sich gleich wieder sehen. Er hatte auch keine großen Anstalten gemacht.

„Wie lange ist das her, dass ich soviel Spaß hatte?“ meinte Fuller. „Ich komme mir glatt zehn Jahre jünger vor. Dabei hatte ich von meinen Trip erwartet, dass ich mit dicken Geldsäcken über die Anlagesituation von Kunst sprechen würde. Ich hatte Speichellecker erwartet und sinnlose Partys, auf denen es nur darum geht, mir Kapital aus den Rippen zu leiern. Und jetzt sitze ich hier bei Dir in der Küche und bin glücklich.“ Er verstummte, denn ihm fielen Stiefer und die anderen Gesellen von der Kunstvermarktungsfront ein. Man würde ihn bestimmt schon vermissen. Hoffentlich hatte niemand die Polizei eingeschaltet. Er sah die Schlagzeile schon vor sich: Reicher Amerikaner verschwunden – Entführung nicht ausgeschlossen. „Darf ich mal telefonieren?“ fragte er Morth.

Er zog das Kärtchen vom Hotel aus seinem Portmonaire und wählte die Nummer. Eine antrainiert freundliche Stimme meldete sich. Er nannte seinen Namen und wurde sofort bestürmt: „Oh, Gott sei Dank, Mr. Fuller! Sie sind wohlauf. Wir haben uns alle hier schreckliche Sorgen um sie gemacht. Ein Herr Stiefer ruft alle halbe Stunde an und will wissen, ob sie zurück sind. Darf ich ihm etwas ausrichten?“ „Ja, das dürfen sie,“ antwortete Fuller. „Sagen sie ihm, dass es mir blendend geht. Ich werde heute Abend noch im Hotel sein. Das ist alles.“ Er legte auf, ohne eine Erwiderung abzuwarten.

„Leider hat mich das normale Leben wieder, Morth,“ sagte Fuller als er zurück in der Küche war, wo Morth immer noch saß und wie ein Ölgötze in seine Kaffeetasse starrte. „Ja, so ist das,“ kam es zurück. Fuller war von der plötzlichen Gleichgültigkeit enttäuscht. Er hatte sich mehr erwartet. Reserviert sagte er: „Na, dann mache ich mich gleich mal auf. Man vermisst mich schon. Kann ich Dir noch irgend etwas Gutes tun? Ich möchte mich sehr gern bei Dir bedanken.“

Morth schaute hoch und Fuller sah, dass das Gesicht seines Gastgebers eingefallen und fahl war. Diese Wandlung irritierte ihn. Er wusste nichts von Morths „Kreislaufproblemen“.

„Nein, schon o.k. Mir gehts gleich wieder gut. Ist nur … ich bin müde,“ antwortete Morth auf die Frage nach seinem Befinden. Fuller sah ihn immer noch entsetzt an. Morth wollte allein sein. Und doch fiel ihm etwas ein, was er sich von Fuller wünschte. Das Sprechen fiel ihm aber schwer. Nicht, dass seine Zunge schwer war oder der Mund trocken. Er hörte sich selbst sprechen, als spräche jemand oder vielmehr etwas anderes aus ihm heraus. Zwischen den Worten und Morths verwirrtem Bewusstsein klaffte ein unüberbrückbarer Graben. Dennoch sagte er leise: „Ich hätte gern, dass jemand meine Bilder mag.“

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