Der kleine Morth (xxi)

Als sie gegen 9 nach Hause kamen, saß Sue auf den Stufen vor dem Haus in der Morgensonne und tippte gerade eine SMS an Morth. Neben ihr stand eine Brötchentüte. Im Gegensatz zu den beiden Männern sah Sue frisch aus, geduscht, die kurzen, blonden Haare gegelt.

„Ich wollte gerade schon wieder verschwinden,“ meinte sie. „Das wäre unverzeihlich gewesen,“ gab sich Fuller charmant. „Er ist doch nur scharf auf Deine Semmeln,“ fügte Morth hinzu. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Aber der Gedanke an ein kleines Frühstück gab ihm wieder etwas Kraft, durchzuhalten. Er küsste Sue.

Er küsste sie. Sie lag neben ihm. Fuller hatte es sich auf der Coach bequem gemacht. „Der arme Kerl muss ganz allein da drüben liegen, während ich in den Armen einer schönen Frau meinen Rausch ausschlafen darf,“ sagte Morth. „Seit wann bist Du denn so mit fühlend?“ schmunzelte Sue. „Zwei Tage Party klopfen das zäheste Steak weich,“ faselte Morth, bevor er einschlief.

Es wurde ruhig in der Wohnung, eine körperliche Form von Ruhe breitete sich aus, sonntägliche Ruhe in allen Ecken, verdichtet, drängend.

Morth lag wie ein Baby an Sues Seite. Drüben im Wohnzimmer murmelte Fuller im Schlaf. Sue hatte auf einmal das Gefühl, ihn bei sich haben zu müssen. Sie stand auf, zog sich Morths Bademantel über und ging Fuller holen. „Willst Du nicht zu mir kommen?“ fragte sie leise.

Als sie dann zwischen den beiden Männer lag, am Schnittpunkt ihrer Gerüche und Körperwärme und sich an den ungewohnten Zustand gewöhnt hatte, war sie groß. Wenn sie die Augen schloss, wuchs ihr Körper über seine normalen Ausmaße hinaus. Sie lag da, wie ein weiblicher Jesus, die Arme weit ausgestreckt und tröstete zwei schlafende Männer, die sich von den Verwundungen der vergangenen Nächte erholen mussten. Sie hatte die Macht zu heilen. Zumindest fühlte es sich so an und es gefiel ihr, im Zentrum zu sein, die Sünden der trunkenen Stunden vergeben zu können.

Gegen Mittag stand sie auf und ließ die Kerle neben einander im Bett liegen. Sie freute sich schon darauf, wenn einer aufwachte und seine Position realisierte. Am liebsten hätte sie diesen Moment auf Video fest gehalten.

Stattdessen setzte sie sich in die Küche, holte ein Buch über optimierte Versuchsplanung aus ihrer Tasche, legte einen Notizblock zurecht und begann zu lesen. Die Tabellen über Normalverteilungen und Ergebnisorientierung zogen vor ihr vorüber, ohne dass sie einen besonderen Erkenntnisgewinn daraus ziehen konnte. Ihre Gedanken schweiften zu den beiden Männern jenseits der Wand, auf die sie blicke, wenn sie auf sah. Ihre Versuchsplanung war stets von einem einzelnen Partnertierchen ausgegangen. Jetzt drängte sich noch ein anderes auf. Sie wusste, dass es bald wieder verschwinden würde. Sie wusste aber nicht, ob sie das wollte und welche Auswirkungen das auf ihre Versuchsanordnung haben würde.

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