Der kleine Morth (xix)

Der Untergrund hatte vor 15 Jahre eröffnet. Damals fanden in dem ehemaligen Luftschutzbunker Technopartys statt. Morth gehörte ein paar Sommer zu den Stammgästen. Das Ding war so angesagt, dass Leute aus der ganzen Welt gekommen waren. Doch dann war auf einmal Schluss mit Raves in den dunklen Winkeln der Stadt. Der Lack war ab. Nach zwei Jahren Pause hatte Tills Freund, der Trapper Louis, einen fetten Kredit aufgenommen und den Untergrund zur autonomen Kulturfestung erklärt.

Die Leute, die im Untergrund arbeiteten, bekamen fast nichts bezahlt. Prestige war alles. So rechnete sich das Ganze für Trapper Louis einigermaßen. Zumindest musste er nicht auf seinen jährlichen Thailandurlaub verzichten. Er war Teilzeitjunkie. Nach einem Monat in einer südostasiatischen Bambushütte kam er abgemagert und mit zerstochenen Venen zurück nach Europa und gliederte sich wieder in das gesellschaftliche Leben ein. So gut es eben ging.

Morth und seine Begleiter stiegen die Treppe hinunter und mit jeder Stufe drangen sie tiefer in den Nebel aus Rauch, Schweiß und Euphorie ein. Sie brauchten ein paar Minuten, um sich an die Atmosphäre zu gewöhnen.

Till verschwand hinter einer Tür aus Metall im Büro der Clubleitung. Die anderen gingen in Richtung Bühne, auf der an diesem Abend die Band Apfel Zapfel ihre zeitgenössische Variante von Punkrock zum Besten gab. Künstlerisches Ziel dieser Formation schien es zu sein, über möglichst monotonen Schlagzeugrhythmen möglichst viele dissonante Töne zu platzieren. Dieses Konzept wurde durch die Massivität des produzierten Lärms und den Gesang einer schwarzen Diskoqueen abgerundet.

„Exzellent,“ meinte Morth. „Mir ist das auch zu krass,“ schrie Sue zurück, die nichts verstanden hatte und davon ausging, dass ihr Freund auch eher auf harmonische Wohlklänge stand. Morth fing an, spastisch zu zucken, seine Art zu tanzen.

Am Ende dieser Nacht war Sue früh und allein nach Hause gegangen, Till hatte dem Trapper Louis einen geblasen und die Hemden von Fuller und Morth waren pitschnass, so entrückt hatten sie getanzt. Es kam eben eher auf die Lust an, sich zu bewegen, als auf die Musik.

Louis lud seine letzten Gäste auf einen Absacker im Crack ein. Die vier Männer nahmen ein Taxi. Unterwegs spendierte Morth eine Runde Koks. Fuller lehnte dankend ab und schlummerte stattdessen in seine Ecke gekauert. Die Stimmen der anderen entfernten sich, das Brummen des Motors hüllte ihn sanft ein, die weite Stadt da draußen spendete ihm Trost. Hier war er sicher und er war frei. Tiefe Atemzüge, glückliche Gedanken.

Im Crack war die Hölle los. Sämtliche nächtlichen Gespenster hatten sich an diesem Fleck versammelt. Morth war in Hochform. Er stand am Tresen und begrüßte selbst entfernte Bekannte mit nie gekannter Herzlichkeit. Fuller hielt sich neben ihm und schüttelte jede hingehaltene Hand. Er kam sich vor wie auf einem Empfang.

Die Sängerin von Apfel Zapfel war auch da. Morth machte ihr Komplimente. Sie lachte und gab ihm Küsschen. Morth strahlte Fuller an. „Na, Mister America, alles klar?“

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