Der kleine Morth (xvii)

Auf einmal flackerten die Kerzen, die Tür knarrte und herein kam ein gebeugtes Mütterchen mit einer Taschenlampe in der Hand. Fragend sah sie sich um, fixierte, taxierte Fuller und Sue und wandte sich dann dem Harmonium zu. Morth war aufgestanden und der alten Dame entgegen gegangen. Die stützte sich wie selbstverständlich auf den hingehaltenen Arm. Als führte er stolz seine neueste Eroberung zum Ball, brachte Morth die krumme, gebeugt gehende Frau zu einem Platz in der ersten Bankreihe. Sie war noch kleiner als Morth und während sie sich setzte, strahlte sie ihren Galant an. Morth verbeugte sich übertrieben höfisch und ging zurück zu seinem Instrument, das brummend auf ihn wartete.

„Wer war denn die Alte?“ wollte Sue wissen. „Ach, das ist die Küsterin der Kapelle: Frau Kalbs. Von ihr habe ich den Schlüssel. Unser süßes Geheimnis! Sie ist taub, aber sie scheint es zu mögen, wenn jemand Musik macht. Manchmal sitzt sie stundenlang da und schaut mir beim Spielen zu. Ich steh drauf. Zum Dank behandle ich sie wie eine Dame.“ „Ist sie das denn nicht?“ „Doch, natürlich. Zumindest, wenn ich sie dazu mache.“ Fuller und Sue sahen sich an, sagten aber nichts mehr dazu.

Sie waren auf dem Weg zu Till. Fuller war gespannt, wie der Punkteil des Abends aussehen würde. Nach der inneren Ölung, die er gerade hinter sich hatte, war ihm jetzt nach etwas Dreck und Lärm. Nur besonders kranke Menschen oder Heilige sehnten sich nach immer währender Schönheit. Alle anderen mussten sich ab und zu in die Jauchengrube werfen und sich darin suhlen. Klar. Staub zu Staub. Warum sonst lebte Fuller ausgerechnet in New York? Dort gab es Dreck und Lärm im Überfluss und das Bad in der Jauchegrube war so ziemlich das einzige, was umsonst war. In letzter Zeit war zwar etwas mehr aufgeräumt worden, die Straßen waren sauber. Dafür hatte sich der weggeräumte Schmutz noch mehr in den Menschen abgelagert. Die hatten zur Zeit noch Platz und legten alles auf ihre inneren Müllhalden. Es war einzusehen, dass diese Methode zeitlich eng begrenzt war.

Oder Morth. Der malte Wunden und nahm sich seine Näschen. Lagerhaltung und gleichzeitig just in time. Morths Körper reagierte schon.

Sue dagegen hatte eine andere Strategie, die Außen-Vor-Strategie. Sie nahm nichts an, was nicht an sie persönlich adressiert war. So schaffte sie es, dass sie es mit einem überblickbaren Maß an inneren Verunreinigungen zu tun hatte. Gerade genug, um sie im Spiel zu halten.

Till war in seiner Werkstatt. Licht und laute Musik drangen nach draußen. Till schweißte gerade. Sein Ding war die Vereinigung von Metall mit Organischem. Er sammelte tote Vögel, Katzen, Hunde von den Straßen und ihren Rändern, um daraus Skulpturen, sogenannte Orgame, zu machen. Deren Haltbarkeitsdatum war nach der Fertigstellung stets schon überschritten. Bei Till beschwert hatte sich bisher aber keiner seiner Kunden.

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