Der kleine Morth (xvi)

Der Blues, der Fuller nach seinem Wiedereintritt in die Realität im Griff gehabt hatte, verflog und wich einer albernen Euphorie. Gemeinsam mit Morth kicherte er und riss dumme Witze über dummes Zeug. Sue ließ sich davon anstecken und gab einige Naturwissenschaftleranekdoten zum Besten. Fuller lachte so sehr, dass ihm Tränen über die Wangen liefen. Er stellte sich Physiker beim Experiment mit supraleitenden Wasserkochern, Biologen beim Überleben im Dschungelcamp und Chemikerinnen vor, die sich beim Masturbieren mit dem falschen Ende einer Phiole ernsthafte Verletzungen zugezogen hatten.

Für ihre Verhältnisse ging Sue regelrecht aus sich heraus. Sie wollte Fuller beeindrucken und genoss Morths Ausgelassenheit. Sie trank zu schnell und redete zu viel. Aber das konnte an diesem Abend keinen stören, eher im Gegenteil.

Sie hatte sich eine Blume ins Haar gesteckt und ging zwischen beiden Männern eingehakt durch die nächtlichen Straßen. Ihre Beine fühlten sich schon etwas weich an. Sie war froh über die beiden Gehhilfen.

Über ihnen trieb ein dichtes Muster kleiner Wolken am mondbeschienen Himmel. Sue empfand das Luftmeer, den Meeresboden, auf dem sie wie Krebse gingen und die Wolken als Eisschollen, die sie von unten betrachtete. Allein das Rauschen der Stadt störte das Bild.

Am zentralen Platz des Viertels hing eine Videoleinwand. In großen Fließband-Lettern zogen Nachrichten, Zahlen, Werbung vorüber. „Turbulenzen an der Wallstreet“, „4, 8, 32, 33, …“, „Gesundheit! Ihre KKVB“. Darüber sah man ein ultra junges Popsternchen in knappen Klamotten herum hüpfen. Um sie herum glitzerte es, Funken sprühten, Tänzer tanzten. Die Kamera fuhr immer wieder wie zufällig über die mädchenhaften Brüste in glamouröser Verpackung und zoomte auf die nassgeschminkten Lippen der vielleicht 15-jährigen Sängerin. Fuller meinte kurz die Musik zu hören, aber da war nichts, nur die Sirenen, das Hupen, Lachen und Schreien.

Beim Stichwort „Wallstreet“ musste er kurz daran denken, warum er überhaupt hier war. Er wollte Kontakte zu finanzstarken Leuten in Europa knüpfen. Diese Kerle, die nicht wussten, was sie mit ihrem Geld anstellten. Darum hatte er sich an Stiefer gewand. Der hatte mit Kunstinvestoren zu tun. Genau an die wollte er ran.

Stattdessen war er nun mit Morth unterwegs. Der hatte zwar auch mit Kunst zu tun und verfügte über etwas Geld, entsprach damit aber nicht im Entferntesten seinem Beuteschema. Er suchte dumme, alte Säcke mit Konten, die vor Kohle nur so überflossen.

Die Gedanken an seine Mission und Herkunft verschwanden im nächsten Moment so schnell wie sie gekommen waren. Er sah Sues strahlendes Gesicht, wie sie die Popprinzessin mimte und Morth lasziv antanzte. Der schaute leicht verunsichert. Sue beugte sich zu ihm hinunter und gab ihm einen langen, feuchten Kuss, in dem er zu versinken schien.

„Klassik oder Punk,“ wollte Morth wissen. „Erst Klassik, dann Punk,“ antwortete Fuller. „Oh, nicht schon wieder zum alten Till!“ stöhnte Sue.

Morth zog einen großen, antik wirkenden Schlüssel aus der Hosentasche und sperrte die Eichenholztür der kleinen Kapelle auf. Drinnen war es stockdunkel. Sue zündete mit ihrem Feuerzeug ein Paar Kerzen zu Füßen der Mutter Maria an. Fuller setze sich in eine der Bankreihen. Vorne fing ein Aggregat leise an zu brummen.

Morth ließ seine Finger knacken, genehmigte sich eine kurze Line und fing an, zu spielen. Er nutzte ein Bach Präludium, um darüber zu improvisieren. Das Harmonium war etwas verstimmt. Dennoch versetzte das Spiel Fuller in einen Zustand, der einer Meditation nahe kam. Morth verstand es auf vordergründige Effekte zu verzichten und jeden Ton, jede Pause so zu setzen, dass das Ganze aufs vortrefflichste zur Wirkung kam. Sogar das Licht der Kerzen schien sich nach den Vorgaben der Musik zu richten. Milde lächelte Maria und hielt sorgsam den kleinen Jesus in den Armen.

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