Der kleine Morth (xv)

Gegenüber lag ein Grünzug. Kühler Wind wehte. Sie setzten sich auf eine Bank und aßen stumm. Morth wollte die Ereignisse des vergangenen Tages nicht direkt ansprechen. Aber er war neugierig, obwohl er wusste, dass Fuller nicht allzu viel zu berichten haben würde. „Warum gehen wir nicht zu mir, ziehen uns etwas Wärmeres an und lassen uns durch die Nacht treiben? Vielleicht hat ja auch meine Freundin Lust, mitzukommen,“ schlug Morth vor.

Fuller wägte ab. Sein Hotelzimmer kam ihm in den Sinn. Standardisiert, zweckdienlich, mit drei Ausgängen: Tür, Fenster und Minibar. Er würde schlafen, träumen sicher auch und sich nicht besonders fühlen. Dagegen stand das Angebot Viktor Morths. Wenn die kommende Nacht nur halb so aufregend sein würde wie die letzten Stunden, – und im Geheimen wünschte Fuller sich das, denn eine Steigerung oder nur ein Weiterso würde ihn, so vermutete er, umbringen – käme er gut auf seine Kosten und würde elegant den Hotelzimmerblues umgehen. „Ich bin dabei,“ sagte er entschlossen und Morth grinste ihn spitzbübisch von der Seite her an.

Sue wartete bereits auf sie. Morth hatte sie von unterwegs aus angerufen. Er hatte einen neuen, interessanten Freund angekündigt und den wollte sie sich nicht entgehen lassen. Es kam selten genug vor, dass Morth jemanden kennen lernte. Er kam mit zwei, drei Personen seines Vertrauens aus. Unbekannten begegnete er gewöhnlich mit einer Mischung aus Reserviertheit und offener Ablehnung. Sue hatte schon lange damit aufgehört, Morth ihre Leute vorzustellen.

Sie fand Fuller auch sofort nett. Diesen gutgebauten Mann mit dem leicht trotteligen Knuffgesicht musste man mögen. Dieser erste, äußerliche Endruck wurde später durch sein neugieriges und offen-verbindliches Wesen noch verstärkt.

Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. Nach der molligen, süßlich duftenden Karla kam Fuller Sue gerade recht. Sie war gertenschlank und schaute aus schlauen, blauen Augen hinaus in die Welt. Ihre Haare trug sich kurz. Ihre Röcke auch. Später beglückwünschte Fuller Morth zu dieser hübschen Freundin.

Die Herren gingen Klamotten aussuchen. Das war angesichts des Größenunterschieds nicht ganz einfach. Schließlich fand sich aber ein Dreiviertel-Mantel, den Fuller als eine Art Jackett tragen konnte. Ein Vorteil der Post-Post-Postmoderne war ja unleugbar, dass man jede noch so schlimme stilistische Verirrung wahlweise als Kunst, Ironie, Zitat oder Style-Mix ausgeben konnte. Wenn es den anderen nicht gefiel, waren sie einfach noch nicht soweit.

Als die beiden wieder im Wohnzimmer auftauchten, stand Sue schon vor drei Cocktails, die sie gerade zubereitet hatte. Die Orangenscheiben am Glasrand vermittelten den Eindruck von Gesundheit, Südsee, Natur. Morth und Fuller freuten sich und griffen gern zu.

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