Der kleine Morth (xii)

„Viktor, mein Lieber, was darf ich Dir und Deinem Gast zu trinken bringen?“ fragte Karla, die ihren Kopf durch die halb geöffnete Tür steckte. Fuller konnte erkennen, dass die Gastgeberin sich inzwischen umgezogen hatte. Sie trug nun eine knallgelbe Bluse, die weit aufgeknöpft war und einen freizügigen Blick auf ihr ausladendes Dekoltee erlaubte.

„Karla, Schatz, wir haben schon einen wunderbaren Tropfen im Crack genossen. Ich denke, zum Speisen würde uns ein schöner Roter vorzüglich munden. Nicht wahr, mein verehrter Trend?“ hauchte Morth gestelzt. Karla schien wert auf gute Formen zu legen. Da Fuller keine Ahnung hatte, was sie zum Essen bekommen würden, nickte er nur zuversichtlich. Er wünschte sich, seinen Kopf zwischen Karlas Titten betten zu können. Ein wenig ausruhen, vielleicht ihren Hintern kneten.

Doch erst gab es Kaffee. Karla hatte gemerkt, dass die beiden Nachtschwärmer etwas Aufmunterung brauchten. Sie mochte keine Schläfer in ihrem Speisezimmer.

Dazu legte sie eine Platte mit ungarischen Schlagern auf und tänzelte zu den ersten Takten kichernd aus dem Zimmer. Von draußen zog der herrliche Duft frisch gebackener Süßspeisen herein. Fuller wurde von Gefühlen, Erinnerungen und Vorstellungen durchweht: Kindheit, Oma, Wien, Vertrauen, Kentucky, eine Schaukel am Baum vor dem Haus, ein langer Sommer voller unschuldiger Zärtlichkeit.

Morth schenkte ein. Sie stießen an. Karla schaute Fuller dabei tief und rätselhaft in die Augen. Der Wein war nicht zu trocken, die Gläser schwer. Karla schmunzelte zufrieden und widmete sich der Platte voller dampfendem Hefegebäck. Sie teilte jedem ein Teil zu und übergoss die Portion mit warmer Vanillesoße. Zuletzt bestreute sie das Ganze mit Mandelsplittern. Trend lief das Wasser im Mund zusammen und er war froh, als sie endlich mit dem Essen beginnen konnten.

Die nächsten Minute waren angefüllt mit wohligem Schweigen. Fuller meinte, noch nie etwas so Gutes gegessen zu haben und sich noch nie in solch angenehmer und interessanter Gesellschaft befunden zu haben. War das Glück?

Nach dem zweiten Glas war die Müdigkeit wieder vollkommen verschwunden. Die drei unterhielten sich angeregt. Dabei stellte sich heraus, dass Karla nicht nur als Köchin glänzen konnte. Sie war auch eine vorzügliche Gesprächspartnerin, die in vielen Themen und Stimmungen zuhause war.

Morth und sie schienen sich in wesentlichen Punkten einig. Sie liebten expressionistische Kunst und hassten jede Art von Mainstream. Fullers Herz wurde warm. Er wagte es kaum, Karla direkt anzusehen. Sie wusste auch so Bescheid. Trend Fuller war nicht der erste Gast, der sich Hals über Kopf in sie und den Zauber ihres Lebens verliebte. Neben ihm saß einer, der das gleiche Schicksal bereits hinter sich hatte.

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