Der kleine Morth (xi)

Vor ihm auf dem Tisch lag ein parfumiertes Kärtchen. Verena hatte ihre Nummer da gelassen, eine Spur gelegt. Morth stellte sein Glas darauf. Fuller setzte sich jetzt neben ihn und legte ihm seinen schweren, rechten Arm auf die Schulter. „Oh, ich liebe Eure Frauen!“ stieß er lachend hervor. „In Amerika hätte ich jetzt schon einen Prozess an den Hacken.“ „Ihr habt sowieso schwer einen an der Waffel,“ meinte Morth dazu. „Mit dem Hintern auf einem Berg Aggressionen hocken, aber wehe im Fernsehen sind mal ein paar Möpse zu sehen. Mal ehrlich! Ich könnte da nicht leben. Diese Verlogenheit würde mich umbringen. Oder der wahnsinnige Waffennarr von Nebenan.“ „Sorry, aber ich glaube, Du hast keine Ahnung,“ blockte Fuller ab. Er hatte keine Lust auf transatlantische Systemdiskussionen. Vergebene Zeit. In ein paar Jahren hatte Amerika den Kulturkampf sowieso gewonnen und es würde völlig egal sein, wo man wohnt. Vielleicht sollte man sich allerdings auch rechtzeitig ein paar Brocken Chinesisch aneignen. Sicher ist sicher. So richtig vorstellen konnte sich Fuller zwar keine Blockbuster aus Taiwan und auch keine Schnellrestaurants mit Entenfleischburgern, aber wer kennt schon die Zukunft.

„Ich habe irren Hunger,“ stellte Trend fest. „Bekommt man in Europa um diese Zeit noch etwas Anständiges zu essen oder muss man sich nachts nur von Alkohol ernähren?“ „Dir zeige ich’s! Du wirst Augen machen, was hier geht,“ antwortete Morth und war schon am Tresen, um zu zahlen.

Draußen dämmerte es schon. Sie winkten nach einem Taxi. Ein Typ mit Rastafrisur hielt. Im Wagen roch es nach kaltem Rauch. Morth gab das Ziel an und zündete sich eine an. Der Freak am Steuer lächelte ihn im Rückspiegel an. „Hängengebliebener Looser,“ dachte Morth und blies genüsslich den Rauch in Richtung des Hinterkopfs des Fahrers. Fuller hüstelte.

Zehn Minuten später waren sie da. Trend Fuller wunderte sich, dass sie nicht etwa vor einem Lokal gehalten hatten, sondern vor einem normalen Wohnhaus irgendwo in der Vorstadt. Die Gebäude atmeten den Geist nationalsozialistischen Wohnungsbaus.

Karla war circa 40, sah in ihrem Art-Deco-Morgenmantel aber eher aus wie 50. Ungeschminkt und mit einem Mops auf dem Arm hatte sie den beiden Männern geöffnet, als gäbe es nicht Natürlicheres, früh um Fünf Besuch zu empfangen. Morth umarmte sie und küsste sie herzlich auf die Wange. Karla sprach ganz leise und auch Morth flüsterte nur. Fuller verstand nicht, was die beiden besprachen. Dann verschwand Karla in einem der Zimmer. Morth führte Fuller in ein anderes, das mit niedrigen Tischen und einigen Sofas dicht bestanden war. Bunte Lampen mit Tüchern behängt spendeten ausreichend Licht. Die aufgehende Sonne wurde von dicken Vorhängen ausgesperrt. Hier drinnen gab es keine Tageszeiten.

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