Der kleine Morth (ix)

Sie tranken weiter, stiegen irgendwann auf Whisky pur um, ließen sich eine Flasche kommen, Three Cocks Loch Bush irgendwas, 18 Jahre oder so. Es spielte längst keine Rolle mehr. Morth wollte seinem Trinkgenossen nur keinen Grund geben, sich zu beklagen. Vielleicht war der ja ein Kenner. Morth löste das Problem über den Preis.

Es war kaum zu glauben, aber inmitten ihres Geredes über Kunst, Europa und vergangene Verletzungen – Fuller hatte sich beim Skifahren in den Rockies beide Beine und die Nase gebrochen – tauchten tatsächlich noch zwei ansehnliche Frauen auf, die sich zu ihnen setzten. Das war im Crack nicht wirklich ungewöhnlich. Kontaktsucher und Verliebte beiderlei Geschlechts nutzten das Dämmerlicht gern zu allem Möglichen. In einem anderen Laden hätten die beiden Mädels angesichts des derangierten Zustands von Fuller und Morth nicht mal mit ihren Mittelstandsärschen rübergeguckt. Jetzt und hier wurden sie von dem gehobenen Bildungsgelaber der beiden Männer angezogen wie Motten vom Mottengrill. Vielleicht war ihnen auch nur das Geld knapp geworden und sie wollten weiter feiern.

Das Crack war nicht gerade günstig. Morth schätzte das. Es war wie eine Schutzmauer. Sein Bruder zum Beispiel würde hier nie auftauchen. Ganz abgesehen von dem Gesocks, das sich mit billigem Alkohol die Zeit in Kneipen wegsoff. Nach Morths Meinung könnten die Preise sogar gern noch etwas höher liegen. Manchmal tauchten auch im Crack Leute auf, die sich mal was leisten wollten. Was für sein Schwachsinn!

Nun saßen die Ladies gerecht aufgeteilt neben Morth und Fuller. Morths Nachbarin roch etwas zu stark nach irgendeinem Parfum, das er kannte und in keiner guten Hintergrundserinnerung hatte. Sandra? Moni? Er wusste es nicht mehr, aber eine der beiden musste es gewesen sein. Manche dieser Gerüche hielten sich ja jahrzehntelang und hinterließen eine nie verwehende Duftfahne, deren Ende einem jederzeit mit unangenehmer Wucht ins Gesicht schlagen konnte. Man musste nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein und schon tauchte eine Frau auf, die meinte, nur weil etwas lange genug auf irgendeinem beschissenen Markt war, konnte man damit Geschmack signalisieren. Das Gegenteil war natürlich der Fall. Guten Geschmack ohne Risiko und Veränderung gab es nicht. Guten Geschmack musste man sich jeden Tag neu erwerben. Alles andere war Prahlerei oder Faulheit.

Morth wischte die missliebigen Erinnerungen mit einem Schluck weg und widmete sich der jungen Frau neben ihm. Er wollte wissen, ob man sich mit ihr über irgendetwas unterhalten konnte, wofür man sich am nächsten Tag nicht zu schämen brauchte.

Ihre Stimme gefiel ihm und das was er im diffusen Gegenlicht von ihrem Gesicht erkennen konnte auch. Ihre Wortwahl ließ auf ein Grundmaß an Bildung schließen.

Sie erzählte ihm, nachdem er vom Klo zurück war und nebenbei eine neue Flasche geordert hatte, von dem japanischen Klangmischer, der ab drei für Unterhaltung im Crack sorgen sollte. „Klangmischer, nicht DJ,“ betonte sie, als ginge es darum das Dreieinigkeitsdogma zu retten. Morth stöhnte innerlich auf.

Fuller dagegen schien von seiner neu gewonnenen Begleitung sehr angetan. Morth erahnte wie die beiden die Köpfe zusammen steckten, flüsterten, kicherten, anstießen, tranken, Spaß hatten. Und war da nicht eine Hand, die unter einen Rock fuhr? Er konnte es nicht beschwören. Aber Fuller gewann sein uneingeschränktes Ansehen. Der ließ nichts anbrennen. So etwas fand Morths Respekt.

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