Der kleine Morth (v)

Als Tom bei Timeo tatsächlich eine Salami-Pizza bestellte, warf Viktor dem Kellner einen entschuldigenden Blick zu. Dieser Trottel ließ kein Fettnäppchen aus. Kaum zu glauben, dass die beiden, den selben Erzeuger haben sollten! Timeo hatte sich nichts anmerken lassen, obwohl er sich bestimmt seinen Teil dachte. Dann fing Tom an zu erzählen. Viktor schaltete auf Durchzug. Niemand konnte ihn zwingen, sich dieses Gewäsch über angeblich wahnsinnig wilde Partys in München, Berlin, sonst wo anzuhören. Wahrscheinlich war Tom um Mitternacht immer schon so stoned oder besoffen oder beides, dass er nicht mal eine dieser hässlichen Studentinnen abbekam, die er für die Creme der europäischen Szene hielt. Afrikanischer Provinzaffe!

Nach einer knappen Stunde hatte er es wieder mal hinter sich. Er hatte sich seine Freiheit für einen weiteren Monat erkauft und konnte endlich in sein Atelier gehen. Es roch nach Farben und kaltem Zigarettenrauch, an den Wänden lehnten zahllose mehr oder minder bepinselte Leinwände.
Bevor er sich ans Malen machte zog er sich wie immer eine Line. Ohne Koks konnte er schlecht arbeiten. Er langweilte sich sonst zu schnell.

Eines der Bilder, das er seit seinem Arztbesuch im Kopf herumgetragen hatte, nahm langsam Gestalt an. Den Hintergrund hatte er in tiefem Rot grundiert. Die eitrige Wunde in ihrem wässrigen Orange trat dadurch besonders plastisch hervor und wirkte unheimlich abstoßend. Viktor kämpfte mit einer aufkommenden Übelkeit. Ob die innere Unruhe etwas mit seiner Arbeit zu hatte? Viktor kam der Verdacht, dass dieses Schaffen im Hintergrund letztendlich nutzlos war. Ja, ihm auf Dauer schadete. Aber warum? Er war bestimmt kein Kommunist, der nach dem Nutzen der Kunst für die Gesellschaft fragte. Die Gesellschaft konnte froh sein, dass es Menschen wie ihn gab, die sich der allgemeinen Verwertung entzogen, die sich nicht widerspruchslos zwischen Maschine und Produkt einordneten. Ging es ihm also nur um Wahrgenommensein?

Viktor setzte sich. Die Farben trockneten. Später wollte er noch ein Skalpell über die klaffende Wunde malen. Er zündete sich eine Zigarette an.

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